Armin Theophil Wegner an Vaihinger[1], Wernigerode, 14.3.1920, 3 S., Ts. mit eU, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 9 g (Durchschlag in Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil)
Wernigerode/Schülerstrasse[a] 17.
den 14. März 1920.
Hochverehrter Herr Professor!
Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen, infolge einer starken Erkältung, erst heute für Ihre überaus freundliche Sendung[2] danke. Wie hätte ich ahnen können, solche Gäste unter meinen Hörern in Halle[3] zu haben, wie anders hätte ich mein Programm gestalten mögen, hätte ich dies gewusst, und[b] auch noch für Sie besonders lesen können. Ihre liebenswürdigen Zeilen und die Übersendung Ihrer Schrift über Nietzsche waren mir eine tiefe Freude. Die Schrift über Nietzsche habe ich schon vor einigen Jahren gelesen, aber der Besitz des Buches ist mir durch Ihre persönliche Widmung von ganz besonderem Wert. Leider muss ich zu meiner Beschämung gestehen, dass ich Ihr grosses Werk „Die Philosophie des Als Ob“ bisher noch nicht gelesen habe. Unter den drei grossen philosophischen Büchern, die ich mir für die nächste Zeit zum Studium vorgenommen habe, befindet sich neben Spenglers „Untergang des Abendlandes“ und Keyserlings „Reisetagebuch eines Philosophen“[4] auch Ihr Werk. Doch geschah es, infolge meiner vielfachen Beziehungen zum Orient[5] unwillkürlich, dass ich zuerst nach den beiden ersten Büchern griff. Aber „Die Philosophie des Als Ob“ reizt mich nicht weniger, und namentlich brenne ich danach, auch Ihre Ausführungen über Kant zu lesen, in denen mir, soweit ich darüber gelesen habe, dunkle Ahnungen, die ich als Student bei seinem | Studium empfand, endlich gedeutet zu werden scheinen; stamme ich doch aus einer Familie, die sozusagen mit Kant gross geworden ist, und deren Grossvater schon in seinen freien Mussestunden ein grosses Kant-Lexikon[6] verfasste und herausgab, wenn ich selbst auch diesen Dingen mit der Zeit ziemlich ferne gerückt bin. Die Bücherpreise der wissenschaftlichen Werke sind freilich mit der Zeit so ungeheuer gestiegen, dass ich nicht weiss, ob ich sobald in der Lage sein werde, mir Ihr grosses Werk zuzulegen, zumal die neue Auflage wohl wieder noch im Preis gesteigert werden wird. Ein Rezensions-Exemplar wird einem der Verleger wohl jetzt nicht mehr abgeben?
Ich bin meinem Studium nach hauptsächlich Nationalökonom[c] und darin wieder besonders Soziologe, wie sich denn auch meine Doktor-Arbeit[7] auf ein Doppelgebiet bewegte, und meine juristischen Studien sind mir heute recht fern gerückt, wenn auch einige Eindrücke davon immer lebendig bleiben werden, und ich sie nie als unfruchtbar bezeichnen kann. Trotzdem würden mich natürlich Ihre Ausführungen über die juristischen Fiktionen ausserordentlich interessieren. Namentlich aber auch das, was Sie mir über die Bedeutung der ästhetischen Illusion und der bewussten Selbsttäuschung beim künstlerischen Schaffen und Geniessen andeuten, und das zuletzt genannte Problem reizt mich ganz besonders;[d] ich will sehen, dass ich mir mit der Zeit auch die hierüber erwähnten Schriften verschaffe.
Dass Sie mir Ihre Schrift mit dem ausdrücklichen Hinweis auf mein dichterisches Schaffen überreichen, hat mich gleichfalls gefreut; jedenfalls mehr, als wenn es umgekehrt wäre, denn ich bin im Grunde Künstler und nicht Politiker. |
Freilich wird mein ganzes Schaffen und menschliches Sein von ethischen Grundsätzen geleitet, und es ist eine unwillkürliche Folge dieser Zeit, dass ich dabei besonders dazu getrieben wurde, für die Heiligkeit des lebendigen Seins[e][f] einzutreten, eine Forderung, ohne die ich mein Schaffen nicht mehr denken könnte. Nun, wenn Sie auch meine politischen Ansichten ausdrücklich und energisch zurückweisen, so kann ich mir doch nicht denken, dass Sie den ethischen Inhalt meiner Dichtungen ganz verneinen, sagen Sie doch selbst in Ihrer Nietzsche-Schrift[8]: „Was nutzt denn alle Kunst der Form ohne bedeutenden Inhalt?“
Gestatten Sie mir, verehrter Herr Professor, Ihnen gleichzeitig zwei meiner Bücher zu überreichen als ein kleines Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit: „Das Antlitz der Städte“[9] und „Der Weg ohne Heimkehr“[10], Sie[g] werden gerade in dem letzteren, das weniger Dichtung als menschliches Dokument ist, und von dem man mir gesagt hat, dass es zu den wenigen Büchern gehört, die den Krieg überdauern werden, das verneinende Erlebnis dieses Krieges[h] wiederfinden.
Mit dem Ausdruck höchster Verehrung grüsse ich Sie als Ihr ergebener und dankbarer[i]
Armin T. Wegner