Vaihinger an Hermann Sudermann, Halle, 29.8.1918, 2 S., hs. (andere Hd., mit eU), Deutsches Literaturarchiv Marbach, COTTA:Sudermann
Diktat
Halle S. Reichardtstr. 15, d. 29.8.18.
Hochverehrter Herr Sudermann!
Mit einigem Herzklopfen sende ich Ihnen den inliegenden kleinen Artikel von mir. Es war zunächst ein Ferien-Einfall, zu dem Schönherrschen „Weibsteufel“ einen neuen Schluss[1] zu machen, aber aus dem Einfall ist eine wichtige Prinzipien-Frage geworden, über die ich freilich nur kurz mich äussern konnte, denn die Frage verdient eine viel gründlichere Behandlung. Aber vielleicht genügt doch einstweilen die vorliegende Ausführung, die ihre Aufgabe erfüllt hat, wenn sie den Anlass dazu bildet, dass die Berufenen sich zu der Sache äussern. Es ist mir natürlich sehr wohl bekannt, was man gegen meinen Vorschlag sagen kann. Man wird den neuen Schluss als eine schwächliche Abstumpfung betrachten können gegenüber dem kraftvollen & trotzigen Schluss von Schönherr.
Doch möchte ich zur Klärung eine allgemeine Bemerkung zu machen mir erlauben. Ein aufgeführtes Drama unterliegt ganz anderen Gesetzen als etwa ein blosses Buchdrama, oder als eine epische Erzählung. Letztere genießt der Leser für gewöhnlich allein. Die Aufführung eines Dramas[a] aber ist eine öffentliche Handlung, die eben als solche einer sozial-ethischen | Beurteilung unterliegt. Im letzteren Falle treten die Personen unmittelbar handelnd vor uns auf & wir sind Zuschauer & Zeugen, des ganzen Vorganges. Dagegen in der epischen Erzählung huschen die Gestalten wie Schatten vor uns vorüber & haben nicht Blut & Leben wie die handelnden Personen des Dramas, das sich vor uns abspielt. Eben darum nehmen die Zeugen dieses Vorganges zu diesem selbst eine ganz andere Stellung ein, als die Leser einer Erzählung. Die Vorführung eines Dramas vor[b] hunderten von Personen ist eine soziale Handlung, die ethisch bewertet werden muss. Man kann vielleicht einen derartigen Schluss, wie Sch[önherr] ihn seinem „Weibsteufel“ gegeben hat, aesthetisch rechtfertigen, aber als vorgeführtes Drama unterliegt dies doch einer sozial ethischen Bewertung.
Diese Erwägungen lassen es vielleicht entschuldbar erscheinen, daß ich es wage, einen Meister wie Schönherr corrigieren zu wollen. Vielleicht[c] bin ich im Irrtum & dann lasse ich mich gern belehren. Jedenfalls aber ist das Problem „Weibsteufel“ nun schon seit langem eine öffentliche Angelegenheit, & so darf vielleicht auch ein Philosoph seine unmassgebliche Meinung darüber äussern.
Überaus verbunden wäre ich Ihnen für eine wenn auch kurze Antwort[2].
In aufrichtiger Verehrung Ihr ganz ergebenster
Vaihinger