Elisabeth Förster-Nietzsche an Vaihinger, Weimar, 25.11.1916, 2 S., hs., quadriertes Papier, Briefkopf NIETZSCHE-ARCHIV | WEIMAR, DEN …, Universitätsbibliothek Leipzig, Kurt-Taut-Sammlung 2/A-J/F/86

Verehrter Herr Geheimrat

Zu meinem großen Erstaunen sehe ich aus Ihrem werthen Brief[1] wie sehr mein Brief an Frau Ripke-Kühn mißverstanden werden kann. Aber sie hat es gewiß nicht, denn sie kennt aus unsern Unterhaltungen und aus dem „Einsamen Nietzsche[2] (besonders S. 348–350 aber auch mehr) zu genau meine Stellung zum Judenthum u. zum Antisemitismus, wozu ich wie mein Mann[3] immer sagte „kein Talent hatte[a].“ Auch besitzt Fr[au] Dr. Ripke-Kühn einen andern Brief, den ich Ihnen auch wenn ich meine Schreibhilfe wiederhabe[b] abschriftlich schicken kann, der keinen Zweifel läßt. Der Warnungsbrief, der Ihre[c] Mißbilligung | erregt, giebt nur die Gründe an, weshalb der Antisemitismus jetzt wieder, gerade wie nach dem Krieg 1870/71, so leidenschaftlich emporflammt. Ich glaube Sie machen sich davon keine Vorstellung, daß an der Front gerade unter einfachen Leuten, aber auch unter Studenten[d] eine große Wuth gegen die Juden herrscht. Prof. Bauch wird, wenn die Gründe seines Rücktritts von der Kant-Gesellschaft[4] bekannt würden, Gegenstand germanischer Begeisterung werden. Mir thut dieses Aufflammen des Antisemitismus unbeschreiblich leid, es nützt nichts u. schadet nur u. einige ausgezeichnete Deutsche sind jedesmal die Opfer. Über dies Alles wird Ihnen die Abschrift des Briefes noch Näheres mitteilen.

Mit den verbindlichsten Grüßen Ihre

Elisabeth Förster-Nietzsche


Kielmannsegg[5] hat Ihr ausgezeichnetes Buch[6] mit zur Front genommen u. wird gewiß von dort schreiben[7].

Kommentar zum Textbefund

ahatte ] so wörtlich
bwiederhabe ] Einfügung über der Zeile
cIhre ] Ihr
dStudenten ] danach gestrichen: sich

Kommentar der Herausgeber

1werthen Brief ] vgl. Vaihinger an Förster-Nietzsche vom 23.11.1916
2„Einsamen Nietzsche ] vgl. Förster-Nietzsche: Der einsame Nietzsche. Leipzig: Kröner 1914.
3mein Mann ] Förster-Nietzsche war mit Bernhard Förster (1843–1889) verheiratet gewesen, einem antisemitischen Politiker, der 1886 in Paraguay die Siedlung „Neu-Germanien“ gegründet hatte (NDB).
4Rücktritts von der Kant-Gesellschaft ] bzw. als Redakteur der Zeitschrift Kant-Studien
5Kielmannsegg ] gemeinter nicht ermittelt. Auf dem Gedenkblatt: Dem Gedächtnis, der dem Nietzsche-Archiv nahestehenden, im Krieg gefallenen Helden (1921, abgedruckt in: Richard Frank Krummel: Nietzsche und der deutsche Geist Bd. 3. Ausbreitung und Wirkung des Nietzscheschen Werkes im deutschen Sprachraum bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein Schrifttumsverzeichnis der Jahre 1919–1945. Berlin/New York: de Gruyter 1998, S. 72–73) werden zwei Namensträger aufgeführt: Kielmansegg, Fähnrich im Königin-Augusta […] Regt. Nr. 4. Geboren am 1. Sept. 1893, gestorben am 27. Nov. 1915 in französischer Gefangenschaft auf Korsika an den Folgen seiner Verwundung. […] Walther Graf Kielmansegg, Oberleutnant. Geboren am 14. Juli 1869, gefallen als Kommandeur des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 222 am 28. Juli [1918?] vor Douai.
6Ihr ausgezeichnetes Buch ] meint vermutlich Vaihinger: Nietzsche als Philosoph. Feldausgabe 1916.
7von dort schreiben ] keine Korrespondenz nachgewiesen