Liesbet von Drigalski-Dill an Vaihinger, Metz, o. D. [Oktober 1916], 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 6 g, Nr. 1
Metz im October
Sehr geehrter Herr Geheimrat,
Sie waren so überaus liebenswürdig, mir ein Exemplar Ihrer geistvollen Abhandlung über Nietzsche[1] zu übersenden. Ich komme eben aus Frankreich, gegenüber dem Priesterwald[2], Kriegsgebiet und bin in dieser äussersten westlichen Festung zu Besuch. | Ich bin nicht dazu gekommen, Ihnen früher zu danken, und bitte Sie, diesen Dank jetzt entgegennehmen zu wollen. Ich hoffe ihn bald mündlich zu übermitteln, da ich Anfang November nach Halle zurückkehre. Die Eindrücke, die ich in meiner Heimat[3] sammelte, auf diesem interessanten Stück Erde, diesem Grenzboden, in Lothringen, an der Mosel sind ungeheure! – | Die Flieger kamen täglich oft dreimal, man geht schon längst nicht mehr in die Keller. Ich sah oft Luftkämpfen zu von den Höhen der Metzer Forts, die sich so dicht vor mir abspielten, daß man die französ[ischen] Farben der Flugzeuge sehen konnte.
Ich hoffe Ihnen davon zu erzählen, wenn ich Ihnen meinen Besuch abstatte.
Mit verbindlichsten Empfehlungen habe ich die Ehre | zu sein Ihre sehr ergebene
Liesbet v. Drigalski-Dill
Vorgestern war ich mit Hermann Bahr in Saarbrücken einen Abend zusammen. Er sprach mit mir sehr eingehend[a] von Ihrem neuen Buch[4]. Er hielt einen sehr schönen Vortrag[5], geistreich und grosszügig, „Österreichs Stellung zu Deutschland“, und freute sich, dass Sie seiner gedacht[6] hatten.