Karl Gjellerup an Vaihinger, Klotzsche[1], 20.9./27.9.1916, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 e, Nr. 1

Klotzsche[a] Gartenstrasse 28.

Sehr verehrter Herr Professor!

Mit Ihrem ausführlichen Brief[2] und dem prächtigen Geschenk Ihres grossen Werkes[3] haben Sie mir eine grosse Freude bereitet.

Als das Buch ankam, hatte ich schon, aus dem Exemplar meines Schwiegersohnes, mir etwas vom Inhalte angeeignet. Ich fing – wie Sie auch annehmen – mit dem Kant-Abschnitte an (wo ich die Hinweise in meinem Kant machte); bald sah ich jedoch, dass ich zuerst Ihre Gesammttheorie kennen lernen müsse, um die rechte Ausbeute zu haben und fing also das Werk von vorne an; hatte auch etwa 70 Seiten gelesen, als das schöne Exemplar mit der für mich so ehrenvollen Widmung kam. Nun stecke ich tief drinn. Es[b] fesselt mich mehr als irgendein anderes Buch philosophischer Art es seit langer Zeit gethan hat, und ich bin sehr begierig | nun nach und nach zu einer vollen Übersicht zu kommen. Kant unter dem Als-Ob-Gesichtspunkt, war mir nicht so neu, wie Sie wohl vermuthen; ich war ihm vielfach so begegnet in dem Werk Chamberlains[c][4], der freilich wohl seine Auffassung aus Aufsätzen von Ihnen hat (in den Kantstudien). Aber hier gewinnt doch die Betrachtungsweise eben durch ihre Durchführung und Verallgemeinerung ein anderes Aussehen – dies Empfinden war es eben, die[d] mich vom Anhang zum Anfang trieb. So viel weiss ich nun schon, daß die Lektüre mir ausserordentliche Belehrung, Klärung und Anregung bringen werde. Herzlichen Dank dafür! Es ist nichts mit dem Lesen in fremden Büchern, wenn es sich um solche Sachen handelt. Man muss anstreichen können und das Buch bleibend zur Hand haben.

„Gabe und Gegengabe bleiben am längsten | Freunde“ – dieses Wortes eines Eddaischen[e] Spruchdichters eingedenk gestatte ich mir, Ihnen meinen Roman „Reif für das Leben“[5] zu überreichen. Ein geringes Gegengeschenk allerdings, aber ein Schalk giebt mehr als er hat[f], sagt der Däne.

Ihre eingehenden Bemerkungen und Ihre vielfache Zustimmung zu meinen Artikeln giebt mir den Muth, einige frühere Aufsätze in den Preussischen Jahrbüchern beizulegen[6], da ich glaube, daß sie hier und da etwas enthalten, was Sie wohl interessieren könnte.[g]

Gern schriebe ich mehr; aber dieser Brief ist schon einmal gründlich unterbrochen worden, und wird es jetzt noch gründlicher durch drahtliche Bestellung eines Artikels. Ich schliesse also mit nochmaligem herzlichem Dank und mit freundlichen Grüssen von meiner[h] | Frau[7] und von Ihrem herzlich ergebenen[i]

Karl Gjellerup

Kommentar zum Textbefund

aKlotzsche ] links gegenüber: Klotzsche 27/9 16
bEs ] Neueinsatz mit dunklerer Tinte; womöglich nach Unterbrechung des Schreibens (s. u.)
cChamberlains ] mit Blaustift unterstrichen, am linken Rd. zusätzlich mit Blaustift angestrichen
ddie ] so wörtlich
eEddaischen ] mit Blaustift unterstrichen und am rechten Rd. mit Blaustift angestrichen
fhat ] Einfügung über der Zeile für gestrichen kann
gwas Sie wohl interessieren könnte. ] am rechten Rd. mit Blaustift angestrichen
hvon meiner ] mit Blaustift unterstrichen und am rechten Rd. mit Blaustift angestrichen
iergebenen ] ergebener

Kommentar der Herausgeber

1Klotzsche ] erst 1950 nach Dresden eingemeindet
2ausführlichen Brief ] nicht überliefert, vgl. das Findbuch über Gjellerups Dresdener Nachlass (http://digital.slub-dresden.de/id333570553 (18.9.2024)).
3Ihres grossen Werkes ] Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911 u. ö.).
4Werk Chamberlains ] vgl. Chamberlain: Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk. München: Bruckmann 1905; 2. Aufl. 1909, 3. Aufl. 1916.
5„Reif für das Leben“ ] Roman in fünf Büchern. Jena: Eugen Diederichs 1916.
6beizulegen ] liegen nicht bei. Gjellerup hatte z. B. veröffentlicht: Sind wir noch Christen? In: Preußische Jahrbücher 162 (1915), Oktober–Dezember, S. 421–441.
7Frau ] Gjellerup war seit dem 24.10.1887 verheiratet mit Eugenia Heusinger (geb. 1857), zuvor verheiratete Bendixen (WBIS).