Anton von Leclair an Vaihinger, Wien, 2.4.1916, 6 S., hs. (andere Hd., mit eU und eigenhändigen Ergänzungen), Briefkopf (Stempel) Dr. Ant. v. Leclair, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. 13
Wien IX/1 Wasagasse Nr 27.
Wien, den 2. April 1916.[1]
Hochverehrter Herr Professor!
Vor vielen Jahren, als wir beide noch junge Männer in der Fülle der Kraft waren, standen wir miteinander in reger Korrespondenz. Ihre Briefe, ein ansehnliches Päckchen, sind aufbewahrt. Auch lernten wir uns persönlich kennen an einem herrlichen Sommer-Nachmittag in Marienbad[a][2], der mir unvergeßlich geblieben ist. Als Gymnasialdirektor in Mies[b] trug ich damals eine schwere Last außergewöhnlicher Arbeit und erlebte Widerwärtigkeiten der schlimmsten Art, die mir das Leben geradezu vergifteten und meine Laufbahn gewaltsam abschnitten, indem ich selbst um Enthebung bat und dafür eine Lehrstelle an einem Wiener[c] Gymnasium übernahm. Das war vor 28 Jahren. Hier hatte ich jahraus, jahrein einen schweren Kampf um die Existenz durchzukämpfen. Endlich | war meine Dienstzeit absolviert (1903), und da konnte ich etwas aufatmen. Zunächst nahmen mich didaktisch-pädagogische Arbeiten in Anspruch, über die Sie im beiliegenden Verzeichnis[d][e] Auskunft finden. Auch war ich bemüht, für unsere Gymnasien zweckentsprechende Lehrbücher der Logik und Psychologie herzustellen. Es erschien opportun, die altgewohnte[f] Flagge[g] „[G. A.] Lindner[3]“[4] beizubehalten und auch[h] an dem Inhalte der Psychologie habe ich allenthalben weit mehr Anteil als der Ausdruck „Bearbeitung“ vermuten läßt. Aber auch zu meiner alten Liebe kehrte ich immer wieder zurück, zur Erkenntnistheorie. Freilich hatten die Jahrzehnte inzwischen eine so reiche Literatur gebracht, daß nicht mehr daran zu denken war, auch nur das Wichtigere gründlich zu studieren. Seit einigen Jahren hat auch, was ja begreiflich ist, mein Auge nachgelassen: ich muß mir im Lesen Maß[i] | auferlegen und brauche überdies gutes Licht. Wie mir der hiesige Dozent Wilh[elm] Jerusalem zu meinem herzlichen Bedauern mitteilte, sind auch Sie, hochverehrter Herr, von einem Augenübel betroffen worden. Mein Staunen darüber war groß, da ich Ihres opus ingens[j] über „Als-Ob“[5] gedachte, das mir vor vier Jahren in die Hände kam.[k]
Bevor ich noch die Bitte ausspreche, die ich auf dem Herzen habe, schicke ich voraus, daß ich selbstverständlich keinerlei sachliche Antwort auf diesen Brief erwarten darf. Ich werde ganz zufrieden sein, wenn Sie mir durch eine Karte ganz kurz mitteilen lassen, daß diese Zeilen in Ihre Hände gelangt sind. – Es klingt paradox, wenn ich Ihnen mitteile, daß mich alle die Begleiterscheinungen des Weltkrieges im vorigen Sommer veranlaßt haben, meine erkenntnistheoretische Auffassung | unsres Weltbildes auf Grund meines vieljährigen Überlegens noch einmal kurz zusammengefaßt darzustellen. Die Abhandlung zerfällt in zwei Teile: I. Das positivistische Weltbild und die Transzendenzfrage; II. Das fremde Bewußtsein. Gesamttitel: Bausteine zu einer positivistischen Erkenntnistheorie[6]. Vielleicht bringt der II. Teil im Gange der Untersuchung und im Ergebnis ein Novum[l]. – Ich habe das Manuscript[m] an Herrn[n] Prof. Bauch nach Jena[o] geschickt, er hat es schon mehrere Wochen, konnte aber, wie er mir schreibt, wegen ernster Erkrankung[p][7] noch nicht zur Durchsicht schreiten. Übrigens käme die Arbeit bei ihrem Umfang besten falls[q] in ein Ergänzungsheft v[on] 1917.[r] Damit bin ich ganz einverstanden. Wenn er das Ding[s] nur überhaupt aufnimmt! Schon bei Beginn der Korrespondenz wünschte Bauch eine Änderung des Titels, ich weiß nicht, warum, und schlug dann vor „Neue Beiträge[t] zu einer posit[ivistischen] Erkenntnisth[eorie].“ Lieber wäre mir schon der andre Titel.[u]
Da ich nun dem noch jungen Manne wohl ganz unbekannt bin, so liegt es mir | nahe, mich an Sie, hochverehrter Herr, mit der Bitte[v] zu wenden, gelegentlich ein Wort zugunsten der Aufnahme meiner Arbeit bei Prof. Bauch einzulegen. Ich weiß wohl[w], daß Sie selbst mit der Redaktion der Kant-Studien nichts mehr zu tun haben möchten[x], ich müßte es daher als eine persönliche Gunst von Ihrer Seite ansehen, wenn Sie bei B[auch] für mich eintreten, da Sie ja doch gewiß nicht ganz außer Verbindung mit der Leitung der so verdienstvollen Zeitschrift stehen.
Ich erinnere mich genau an einen Ihrer Briefe, worin Sie in fast enthusiastischem Tone davon sprachen, daß der Gedanke des Positivismus auf deutschem[y] Boden eine Wiedergeburt und vertiefte Behandlung erfahren werde, wozu ich in unseren Landen mit beitragen solle. Letzteres war mir zwar nur in bescheidenem Maße gegönnt, aber sonst hat unser Standpunkt, der jede metaphysisch-transzendente Fälschung der Wirklichkeit bekämpft, in reichem Maße Anerkennung und Gefolgschaft gefunden. Inzwischen sind Schuppe[z] | und E. Mach heimgegangen.
In der Erwartung, daß Sie meine Bitte freundlich aufnehmen werden, bin ich mit hochachtungsvollem Gruße Ihr aufrichtig ergebener und dankbarer
Ant. v. Leclair[aa]