Vaihinger an Adolf von Harnack, Halle, 22.2.1916, 2 S., Ts., mit eU, Absenderstempel Univ.-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15., mit zwei Beilagen: 1) Abschrift eines Schreibens von Vaihinger an die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, 4 S., Ts., 2) Abschrift eines Schreibens von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften an Vaihinger, 1 S., Ts., Staatsbibliothek zu Berlin, Nachl. von Harnack
Diktat.
22.2.1916
An seine Excellenz den Wirklichen Geheimen Rat
Professor D., Dr. Dr. Dr. A. von Harnack
Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften Berlin.
Ew. Excellenz[a]
mögen gestatten, dass ich Ihnen die Abschrift eines Schreibens[1] mitteile, das ich vor kurzem an die Königl[iche] Akademie der Wissenschaften gerichtet habe. Dieses Schreiben ist zwar zunächst für die von der Akademie eingesetzte Kommission zur Herausgabe der Werke Kants bestimmt, berührt aber eine Frage, welche auch für die anderen Mitglieder der Akademie und weiterhin für alle Kreise der Gelehrtenwelt nicht ohne Wichtigkeit ist.
Es handelt sich darum, ob und wie das sogen[annte] Opus Postumum Kants in der neuen monumentalen Kantausgabe vertreten sein soll. Das Manuscript dieses Werkes (das aber in Wirklichkeit zwei verschiedene Werke umfasst) kam leider vor vielen Jahren in den Besitz eines Sonderlings, des Pastors Albrecht Krause in Hamburg. Dieser, welcher längst verstorben ist, hatte nun in seinem Testament bestimmt, dass dieses Manuscript der wissenschaftlichen Bearbeitung speziell durch die Akademie dauernd entzogen bleiben solle.[2]
Um den wissenschaftlichen Wert jenes Manuscriptes hatte sich schon damals ein Streit erhoben, wobei die Einen (speziell [A.] Krause) den Wert des Manuscriptes in den Himmel hoben, während Andere (speziell Kuno Fischer) dem Manuscript jeden Wert absprachen.[3] Ich habe damals in dem Archiv für Geschichte der Philosophie 1889, Bd. IV, S. 732 bis S. 736[4] diese Frage kurz erörtert, soweit sich das aus den damals vorliegenden Publikationen wissenschaftlich verantworten[b] liess und habe gezeigt, dass die Wahrheit in der Mitte liegt, d. h. dass jenes Manuscript eine Entwicklungsperiode Kants darstellt, welche neben vielen Anzeichen der Senilität doch andererseits auch viele merkwürdige Gedanken enthält, welche wenigstens in dieser Formulierung, in den früheren Werken Kants noch nicht vorkommen und welche fruchtbare Keime einschliessen.
Einen Teil dieser merkwürdigen spätesten Gedanken Kants habe ich aus den schon von Reicke herausgegebenen Partien[5] in meiner „Philosophie des Als Ob“ Seite 722 ff. auszugsweise mitgeteilt. Um[c] Ihnen die Nachprüfung so bequem wie möglich zu machen, gestatte ich mir, Ihnen gleichzeitig ein Exemplar dieses Werkes zu überreichen. Vielleicht wird diese Nachprüfung doch ergeben, dass das nachgelassene Manuscript Kants in irgend einer Weise in der neuen grossen Kantausgabe vertreten sein sollte und dass letztere doch unvollständig bleiben würde, wenn darin das Opus Postumum Kants nicht zu seinem Rechte käme.
Vielleicht wird es unter den veränderten Zeitverhältnissen doch möglich sein, die jetzigen in Berlin lebenden Besitzer[6] des Kantischen Manuscriptes zu bestimmen, dieses der Akademie auszuliefern oder wenigstens zur Bearbeitung zu überlassen. Es wird dazu freilich einiger | Opfer bedürfen, auch würde es wohl notwendig sein, einen diplomatisch gewandten Vermittler zu verwenden, dem es gelingen könnte, die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden.
Reicke hat ja schon 2/3 des Manuscriptes[d] in den Altpreussischen Monatsheften[e] herausgegeben, und hieraus habe ich eben meine Auszüge gemacht. Diese[f] Auszüge zeigen doch, was uns inbezug[g] auf die Kenntnis von Kants Geistesleben fehlen würde, wenn wir diese Reickesche Publikation nicht hätten, die aber eben leider unvollständig ist.
Übrigens hatte ich auch, abgesehen von dem besonderen Anlass, schon längst den Wunsch, Ew. Excellenz mein Buch zu überreichen, besonders seitdem die Bonner Evangelisch-Theologische Fakultät eine eigene Preisaufgabe[7] über die Bedeutung desselben für die Theologie ausgeschrieben[h] hat, aber auch sonst war die Aufnahme meines Buches gerade seitens der Theologen eine so freundliche, dass ich es wagen zu dürfen glaubte, es Ihnen zu übersenden.
Bei der ungeheuren Arbeitslast, welche auf Ihnen liegt, kann ich mich natürlich nicht der Hoffnung hingeben, dass Sie Zeit finden werden, dem Werk ein detailliertes[i] Studium zu widmen[j], aber ich möchte doch andererseits den Wunsch aussprechen, dass gerade Ew. Excellenz[k] einmal in das Buch einen Einblick gewinnen möchten: denn gerade Sie besitzen eine derartig umfassende Einsicht in die verschiedensten Wissenschaftsgebiete und Wissenschaftsmethoden, dass ich niemand wüsste, der jetzt in Deutschland eher berechtigt wäre, die Bedeutung der fictiven Methode und der Als Ob-Betrachtung in der Wissenschaft von der Mathematik, Mechanik, Physik, Chemie bis zur Nationalökonomie, Staatswissenschaft, Psychologie und besonders zur Theologie zu würdigen. Ich sage dies mit besonderem Hinblick auf einen Artikel[8] von Ihnen, den Sie vor geraumer Zeit gelegentlich der Begründung der Kaiser Wilhelmsgesellschaft in der „Woche“ geschrieben haben, aus welchem[l] ein ebenso umfassender, als tief eindringender Überblick und Einblick in das ganze Gebiet aller Wissenschaften hervorleuchtete.
Ein grosser Teil der Philosophie des Als Ob beschäftigt sich mit Mathematik. Die darin behandelten Probleme bewegten mich schon im Jahre 1875. Es war dies in der Zeit, als ich in Leipzig im Hause des alten Strümpell die Gelegenheit hatte, zum ersten Male Ihre Bekanntschaft zu machen, wobei ich ein instructives Gespräch mit Ihnen gerade über diese Probleme haben durfte, welches mir schon damals zeigte, dass Sie neben Ihrem eigentlichen[m] Fach sich den Blick für ganz entfernte Wissenschaftsgebiete offen halten.
Herr Kollege Otto Ritschl in Bonn, mit welchem mich seit seiner Hallenser Zeit eine lebhafte Sympathie verbindet, hat mich auf meine Anfrage hin ermutigt[9], es zu wagen, an Sie mein Buch zu senden, dem ich einen Platz in Ihrer Bibliothek einzuräumen bitte.
In aufrichtiger Verehrung Ew. Excellenz Ganz[n] ergebenster
Vaihinger
[Beilage 1]
COPIE![o]
Halle a. S., den 8. Februar 1916.[p]
An die Königl. Preussische Akademie der Wissenschaften in Berlin.
Der Hohen Königlich Preussischen[q] Akademie der Wissenschaften beehre ich mich ganz ergebenst gleichzeitig die mir am 16. Juni 1906 von ihr gütigst überlassenen auf Kant bezüglichen Manuscripte, unter Beilegung einer Copie des Schreibens der Akademie[10] an mich von demselben Tage, zurückzusenden. Nach diesem Schreiben hat damals Herr Dr. Haensell[11] diese Manuscripte der Akademie zu dauerndem Eigentum überwiesen, unter der Bedingung, dass mir der Abdruck derselben in den „Kantstudien“ gestattet werde.
Von diesem mir zustehenden Rechte habe ich jedoch keinen Gebrauch gemacht, und fühle das Bedürfnis, der Königlich Preussischen Akademie d[er] W[issenschaften] gegenüber mich darüber zu äussern, warum ich das nicht getan habe, und warum ich die Manuscripte so lange im Hause behalten habe.
Als im Juni 1906 die Sendung der Akademie an mich gelangte, hatte ich mich eben wegen eines schweren Augenleidens emeritieren lassen[12] und konnte daher im Jahre 1906 mich nicht mit der Angelegenheit beschäftigen, da meine Augen mich daran hinderten. Als durch die Ruhe meine Augen sich etwas zu bessern schienen, nahm ich eine andere dringende Arbeit in Angriff[r], die Herausgabe eines älteren Manuscriptes von mir, das ich zum Druck vorbereitete. Ich hatte ursprünglich gehofft, diese Arbeit in einem bis zwei Jahren vollenden zu können, sie nahm aber über vier Jahre in Anspruch und das betreffende Werk konnte erst im Jahre 1911 erscheinen (u. d. T. „Die Philosophie des Als Ob“). Nun hoffte ich mich an | die Kant-Manuscripte[s] machen zu können, aber bald nahm mich die Herausgabe einer zweiten Auflage des eben genannten Werkes in Anspruch. Dazu kamen viele andere unvorhergesehene Hindernisse[t], vor allem die stets zunehmende Verschlechterung meines Augenlichtes. Ich hätte nun den Ausweg ergreifen können, die Manuscripte durch einen Anderen in den „Kantstudien“ veröffentlichen zu lassen, aber einerseits wusste ich keine dazu geeignete Persönlichkeit, andererseits suchte ich auch nicht ernstlich nach einer solchen, da ich doch Anstand nahm, die Manuscripte einem Fremden anzuvertrauen. Auch schien es mir zweifelhaft, ob ich das mir selbst zugestandene Recht der Veröffentlichung resp. Bearbeitung einem Anderen übertragen dürfte. So blieb die Sache liegen. Nun ist aber unterdessen mein Augenleiden so fortgeschritten, dass ich mich bald werde operieren lassen müssen. Es ist aber nicht sicher, ob eine Operation mir Besserung bringt, und ob sie nicht vielmehr die Lage verschlimmert. Daher möchte ich die Verantwortung für die bei mir lagernden Manuscripte nicht länger übernehmen[u] und sende sie der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften mit allerbestem Danke zurück, in der Überzeugung, dass die Publikationen[v] der Manuscripte am besten durch diese selbst, resp. durch ihre dazu bestellten Mitarbeiter in der von ihr veranstalteten neuen grossen Kantausgabe erfolgt. Auch ist es ja für die von der Akademie herausgegebene Kantausgabe von grossem Werte, dass die Manuscripte von ihr zuerst publiziert werden, und[w] nicht erst von anderer Seite.
Was die Manuscripte im Einzelnen betrifft, so darf ich vielleicht noch folgendes bemerken. Wissenschaftlichen Wert haben nur die Manuscripte 1, 2 und 3 und 3a (das letztere befand sich in Nr. 4 lose, ich habe es deshalb als Nr. 3a aufgeführt.) Zwar sind die Manuscripte | keine Originale[x] von Kant, aber offenbar treue Kopien. Die Manuscripte 1 bis 3 beziehen sich auf das sogen[annte] „Opus Postumum“. In Betreff des letzteren habe ich im Archiv für Geschichte der Philosophie 1889, Bd. IV, S. 732 bis 736, gezeigt, dass es aus zwei ganz verschiedenen Werken besteht welche Kant schreiben wollte:
1. Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik. Zu diesem gehört das Manuscript Nr. 1.
2. System der reinen Philosophie in ihrem Zusammenhange. (Das[y] Werk hat auch noch andere, ähnliche Titel bei Kant.) Zu diesem Werk gehören die Manuscripte Nr. 2 und 3. In dem letzteren findet sich sogleich der Name „Zoroaster“ erwähnt. Dieser ist, wie ich in meiner Philosophie des Als Ob Seite 722 Anm.[z] aus den von Reicke schon publizierten Teilen des Manuscriptes gezeigt habe[aa], von Kant gelegentlich auch zum Titel dieses zweiten Werkes ausersehen worden.
Auf derselben Seite 722 meiner Philosophie des Als Ob (ich erlaube mir einen Prospekt meines Verlegers über dieses Werk beizufügen) habe ich folgenden Satz anmerkungsweise hinzugefügt:
„Die nun folgende Gedankenauslese aus diesem zweiten Werke wird zeigen, dass es in der Ausgabe von Kants handschriftlichem Nachlass, die von der Berliner Akademie übernommen worden ist, notwendig in irgend einer Weise vertreten sein muss.“
Ich möchte diesen Satz auch hier noch einmal ausdrücklich wiederholen. Allerdings sind mir die grossen Schwierigkeiten bekannt, welche der Veröffentlichung und Bearbeitung des Opus Postumum entgegenstehen, indessen möchte ich doch glauben und hoffen, dass es nun unter den veränderten Zeitverhältnissen doch vielleicht möglich ist, diese Schwierigkeiten[ab] zu überwinden, denn eben das zweite Werk enthält so bedeutsame und wichtige Äusserungen Kants (von denen ich, soweit sie | schon von[ac] Reicke gedruckt worden sind, nur einen kleinen Teil in der eben genannten Philosophie des Als Ob wieder abgedruckt habe), dass es unbedingt notwendig erscheint, diese Entwicklungsperiode des Kantischen[ad] Denkens in der Akademie-Ausgabe in irgend einer Weise vertreten zu sehen.
Gewiss verdient das Opus Postumum nicht die Überschätzung, welche ihm von gewisser Seite zuteil geworden ist, (speziell von [A.] Krause, der aber gerade das wissenschaftlich wenig wertvolle erstere der beiden in Kants Opus Postumum enthaltenen Werke allein herauslöste); aber eben so wenig die Unterschätzung[ae], in welche Kuno Fischer verfiel (welcher eben das in dem Opus[af] Postumum enthaltene 2. Werk Kants gänzlich übersah, welches nicht blos für die historische Erkenntnis der letzten Entwicklungsperiode Kants von grösster Bedeutung ist, sondern auch sachlich für die heutige Wissenschaft höchst bedeutsame Äusserungen Kants enthält.)
Es bleibt mir nun noch übrig, der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften ausdrücklich und nachdrücklich meinen Dank auszusprechen für die langjährige Geduld und Nachsicht, mit der sie die Manuscripte bei[ag] mir gelassen hat.
In verehrungsvoller Ergebenheit
gez[eichnet] Vaihinger.
[Beilage 2]
COPIE![ah]
Kgl. Preussische Akademie der Wissenschaften.
Berlin 16. Juni 1906
W 35, Potsdamerstr. 120.
Ew. Hochwohlgeboren übersende ich gleichzeitig als Wertpaket ergebenst 2 Konvolute Kant betreffende Manuscripte, die Herr Dr. Haensell der Akademie zu dauerndem Besitz überlassen hat unter der Bedingung, dass Ihnen der Abdruck derselben in den „Kant-Studien“[13] gestattet werde. Die Konvolute enthalten:
1. Abschrift von J. Kants[ai] hinterlassenem Manuscripte. S. 1–55 fol.
2. 1 Blatt „Das All der Wesen Gottes usw.“
3. Fragmente aus Kants Handschrift usw., blaues Papier, S. 6–38. Quart.
4. Brief Kants.
5. Brief Friedrich Wilhelm IV (Abschrift).
6. Letzter Wille mit 1 Nachtrag und Kuvert.
7. Inventarium über Kants Nachlass. Dazu 4 lose Blätter
8. 10 verschiedene Briefe.
Nach beendigter Benutzung bitte ich die Manuscripte unter gleicher Wertversicherung (1000 Mark) an das Bureau der Akademie zurückzusenden.
Der Bibliothekar und Archivar
Dr. Köhmke.[14]
An
Herrn Professor Dr. H. Vaihinger
Hochwohlgeboren
Halle a. S.