Vaihinger an Hans Prager, Halle, 1.5.1914, 4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf GEH.[a] REG.-RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131822
1. Mai 1914.
Sehr geehrter Herr Doktor!
Sie haben ja schon durch meine Frau erfahren[1], daß ich lange Zeit in der Klinik lag. Lange Zeit brauchte ich auch zur Rekonvaleszenz; dann kamen die Vorarbeiten zum 10 jährigen Stiftungsfest[2], und so kann ich Ihnen erst heute schreiben, und spreche zunächst mein lebhaftes Bedauern aus, daß Sie bei dem Fest nicht anwesend sein konnten. Oesterreich war durch Jerusalem und durch Kornfeld[3] vertreten. Hoffentlich kommen Sie selbst auch einmal wieder nach Halle.
Sehr bedauert habe ich auch, daß Sie, wie ich aus Ihren vertraulichen Mitteilungen | entnehme, durch Ihre Verwandte in eine sehr widerwärtige Lage gebracht sind. Ich weiß aus eigener mehrfacher Erfahrung[4], wie derartige Prozesse mit Verwandten die Nerven angreifen, und kann es deshalb verstehen, daß Sie darunter schwer leiden. Möge denn die Hoffnung sich erfüllen, die Sie in Ihrem Briefe äußerten, daß die Angelegenheit zu Ihren Gunsten abschließe.
Wie[b] Sie wohl schon aus den Zeitungen entnommen haben, sind bei der Wahrheitspreisaufgabe[5] zwei 2. Preise vergeben worden. Außerdem wurde eine lobende Erwähnung zuteil einem Herrn Franz Selety, Wien I. Zedlitzgasse 12. An den letzteren habe ich vor 8 Tagen geschrieben, aber ohne Erfolg. Ich kann ihm seine Arbeit also vorerst nicht zurücksenden. Vielleicht kennen Sie den Mann. Er ist ja wohl in den philos[ophischen] Kreisen Wiens bekannt. Vielleicht | ist er Student und jetzt gar nicht mehr in Wien.
Mehr noch wäre mir von Wert, wenn Sie mir über Dr. Schrecker Wien II Marinelligasse 7 etwas mitteilen könnten. Er war im vorigen Jahr auf der Gen[eral]-Ver[sammlung] hier[6], läßt aber seitdem nichts mehr von sich hören. Er wollte eine Schrift über das Verhältnis der Bergson’schen Philosophie zu der Meinigen schreiben. Ich habe aber nichts mehr von ihm und über ihn erfahren. Auf zwei Briefe[7] hat er nicht geantwortet. Die Briefe muß er doch erhalten haben. Bitte suchen Sie doch den Mann auf und fragen Sie ihn aus, indem Sie ihm beste Grüße von mir bringen.
Wie mir Dr. Liebert mitteilte, war Dr. Schrecker eine kurze Zeit lang Mitglied der K[ant]-G[esellschaft], war aber wohl im Rückstand mit dem Jahresbeitrag und ist dann wieder zurückgetreten. Dabei hat wohl zwischen ihm und Dr. Liebert ein Briefwechsel stattgefunden, der ihm | Dr. Schrecker, vielleicht unangenehm war. Dafür bin ich aber nicht verantwortlich, da ich mit diesen äußeren Angelegenheiten gar nichts zu tun habe, wenn auch mein Name am Kopf aller Schriftstücke steht, welche von der K[ant]-G[esellschaft] ausgehen.
Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diese Angelegenheit in Ordnung bringen würden, denn es liegt mir sehr daran, daß Dr. Schrecker seinen Plan ausführt[8]. Seine 1. Schrift[9] über „Bergson’s Lehre von der Persönlichkeit“ ist vielfach beachtet worden.
Wahrscheinlich haben Sie unterdessen auch Ihren Plan ausgeführt, über die 2. Aufl. meines Buches sich irgendwo zu äußern[10].
Mit besten Grüßen und Wünschen Ihr stets ergebener
Vaihinger