Vaihinger an Hans Prager, Halle, 8.3.1913, 8 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf KANTGESELLSCHAFT.[a] | GESCHÄFTSFÜHRER: GEH.-RAT PROF. DR. VAIHINGER, HALLE A. S. | STELLVERTRETENDER GESCHÄFTSFÜHRER: | DR. ARTHUR LIEBERT, BERLIN W. 15, FASANENSTRASSE 48. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131817
8.III.1913
Sehr geehrter Herr Doktor!
Es freut mich, daß ich wieder etwas von Ihnen gehört habe[1], und da Sie nicht über Ihre Gesundheit klagen, so nehme ich an, daß Sie sich im Süden[2] gut erholt haben.
Ich denke, daß wir uns ja nun recht bald wiedersehen, denn ich hoffe, daß Sie zu unserer Gen[eral]-Vers[ammlung] Sonnabend d. 19. und Sonntag d. 20. April kommen werden[3]. Diesmal haben wir zwei Redner: Prof. Falckenberg[b]-Erlangen über „Lotze, seine Beziehungen zu Kant u. Hegel und seine Bedeutung für die philos[ophischen] Probleme der Gegenwart“, | und Prof. Hönigswald über „Principienfragen der Denkpsychologie[c]“. Beide Themata sind hoch aktuell und werden nicht verfehlen, wieder viele Teilnehmer hieher zu ziehen. Wir rechnen diesmal auf ca. 100 Teilnehmer aus allen Teilen Deutschlands.
Es würde mich natürlich außerordentlich freuen, Sie diesmal bei dieser interessanten Veranstaltung hier zu sehen, wenn ich mich auch persönlich Ihnen nicht besonders widmen könnte, da ich ja natürlich durch die Geschäfte und die vielen Teilnehmer sehr in Anspruch genommen bin. Aber Sie werden sicher sehr viele interessante Bekanntschaften zu machen Gelegenheit haben. Die gedruckte Einladung werden Sie demnächst erhalten.
Was Sie mir über die Wiener Verhält|nisse an der Universität mitteilen, hat mich natürlich außerordentlich interessiert. Nach dem was Sie sagen, wird ja[d] wohl Foerster[e]’s Berufung[4] nicht zu vermeiden sein. Er ist ja ein recht gescheiter Mensch, ist übrigens Protestant, ist aber durch seine katholische Frau und durch einen katholischen Freund für das Mittelalter gewonnen worden, in dem er nun seine Ideale sieht. Ein solcher katholizierender Protestant ist für die Katholiken natürlich noch viel wertvoller als ein Katholik selbst[f]. Wie Sie wissen, ist er der Sohn des Berliner Astronomie-Professors, welcher an der Spitze der ethischen Bewegung in Deutschland steht. Dieser ist mit der Entwicklung seines Sohnes natürlich nicht einverstanden, und hat über seine Differenzen | mit ihm in seinen vor kurzer Zeit erschienenen Lebenserinnerungen[5] Näheres mitgeteilt.
Daß unser Freund Reininger wenigstens bei dieser Gelegenheit Extra-Ordinarius geworden ist[6], freut mich sehr für ihn, wenn ich ihm natürlich auch noch mehr das Ordinariat gegönnt hätte. Ich hoffe, daß auch er zu unserer Gen[eral]-Vers[ammlung] kommt. Ich habe ihn vor kurzer Zeit herzlich eingeladen[7].
Auch noch ein anderer Wiener wird voraussichtlich hieher kommen, Herr Dr. Schrecker[8] (Marinelligasse 7), ein Mitglied der Adler’schen psycho-analytischen Gesellschaft[9].
Wenn Sie sonst in Wien noch dafür werben können, daß unsere Versammlung von Oesterreichern besucht wird, so wird das uns sehr freuen, insbesondere wenn es Erfolg hat. |
Mir[g] natürlich würde das besonders wertvoll sein.
Die 2. Aufl. meines Buches[10] ist beinahe fertiggestellt und wird in kurzer Zeit erscheinen, unverändert, jedoch mit Tilgung der Druckfehler und mit Weglassung der Herausgeber[h]-Fiktion[11].
Da Sie die Freundlichkeit haben, sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen, so möchte ich Ihnen nur so viel mitteilen, daß es mir soweit erträglich geht. Doch habe ich jetzt durch eine ganze Reihe Widerwärtigkeiten sehr viel zu tun und bin infolgedessen auch körperlich schlecht disponiert. Die Vorbereitungen zur Gen[eral]-Vers[ammlung] machen natürlich | auch sehr viel Arbeit insbesondere auch die Mitarbeit an der Herstellung der finanziellen Übersicht über das Jahr 1912.
Was Sie mir über Ihre eigenen Studien mitteilen, hat mich sehr interessiert. Es freut mich, daß Ihre erste juristische Leistung[12] einen so guten Erfolg gehabt hat. Ebenso interessiert mich die Mitteilung, daß Sie in der Adler’schen Gesellschaft einen Vortrag[13] halten wollen, der sich teilweise auch auf mein Buch beziehen kann. Sehr gerne werde ich Herrn Dr. Adler in dem von Ihnen angegebenen Sinne schreiben[14]. Falls es keine Eile hat, werde ich es vielleicht tun, wenn Sie persönlich hier gewesen sind.
Die „Philos[ophischen] Jahrbücher“ sind nicht eine eigentliche Zeitschrift, sondern eine Sammlung von Sammelreferaten. Der I. Bd. ist schon erschienen. Es findet sich darin ein interessantes Referat von Cassirer[15] über | Erkenntnistheorie, wo er auch auf mein Buch ausführlich eingeht. Für Mitteilungen über Erwähnungen meines Buches werde ich Ihnen stets sehr verbunden sein, da ich ja meines Augenleidens halber so schwer nachkommen kann. Ich habe bis jetzt 145 Erwähnungen und Besprechungen mir zusammengestellt und werde sehr glücklich darüber sein, wenn Sie mir noch weitere Nummern angeben können, damit ich das 2. Hundert bald erreiche.
Daß Sie die Mitgliedschaft an der Wiener philos[ophischen] Gesellschaft durch die Schuld Höfler’s zurückgelegt haben, tut mir leid: Allem nach scheint Höfler ein etwas eigenartiger Mann zu sein. Ich kenne ihn nicht persönlich und habe seit langer Zeit nicht mehr mit ihm zu korrespondieren[16] Veranlassung | gehabt.
Also in der Hoffnung auf baldiges Wiedersehen mit herzlichem Gruß Ihr
Vaihinger