Vaihinger an Hans Prager, Halle, 3.9.1912, 4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf GEH. REG.-RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131807
3. September 1912
Sehr geehrter Herr Doktor
Es freut mich sehr, von Ihnen wieder etwas zu hören[1], und vor allem die gute Nachricht zu vernehmen, daß Sie nun bald nach Deutschland kommen[2] wollen. In der Zeit vom 2. bis zum 15. Oktober werde ich verreist sein, aber in der übrigen Zeit bin ich stets hier. Sie werden nun den Plan einer Rundreise in zweckmäßiger Weise entwerfen müssen. Vor kurzem hat auch ein anderer jüngerer Freund[3] von mir eine Rundreise durch Deutschland gemacht, dem ich verschiedene Empfehlungen mitgegeben habe. So kann ich, wenn Sie sicher nach Halle kommen, Ihnen auch von hier aus voraussichtlich einige wertvolle Empfehlungen mitgeben, unter Umständen kann | ich Ihnen auch, schon ehe Sie hieher kommen, einige solche von hier aus zusenden, ich habe immerhin mancherlei Beziehungen, welche für Sie von Wert sein können. Wenn Sie derartige Wünsche haben, so wollen Sie sie nur offen äußern.
Haben Sie verbindlichsten Dank für den liebenswürdigen Hinweis auf die neuen Besprechungen meines Buches. Derartige Hinweise sind mir stets sehr wertvoll, da mir bei meinen schlechten Augen Manches entgeht. Auch bekomme ich natürlich nicht alles zugesendet. So z. B. hat mir Dr. Driesch sein Buch nicht übersendet[4], so daß es dem Zufall überlassen bleibt, ob mir derartiges, so wie in diesem Falle durch Ihren freundlichen Hinweis, bekannt wird. Die Zusammenstellung der sämtlichen Rezensionen durch den Verlag ist noch nicht gemacht, wird aber im Laufe der nächsten Monate gemacht werden. Die Zusammenstellung war nicht notwendig, weil das Buch auch ohne einen solchen Prospekt | vorzüglichen Absatz gefunden hat. Es ist nun beinahe ausverkauft. Die 2. Auflage ist in Vorbereitung.
Auf Ihrer letzten Karte[5], die mich in der Sommerfrische[6] erreichte, teilten Sie mir mit, daß Sie sich mit juristischen Studien beschäftigen wollten; auch dazu bietet meine „Philosophie des Als Ob“ einen guten Anknüpfungspunkt. Die juristischen Fiktionen spielen ja eine sehr große Rolle. Von diesem Grunde[a] wird mein Buch auch demnächst in einer der nächsten Nummern der „Juristischen Wochenschrift“ ausführlich besprochen[7] werden, und noch eine weitere juristische Rezension[8] meines Buches ist in Arbeit.
Es interessiert mich, daß Sie die Dissertation von Lapp[9] studieren wollen. Er lebt in Frankfurt und ist Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung. Da Sie jedenfalls nach Frankfurt kommen, so kann ich Ihnen eine Empfehlung an ihn mitgeben.
Mit besten Grüßen und Wünschen
H. Vaihinger |
P. S. Nicht bloß im Heft 1 von Bd. 147 der Zeitschrift von Schwarz sind zwei große Aufsätze über mein Buch erschienen, sondern wie mir mitgeteilt wird, auch im Heft 2 erscheinen ebenfalls 2 weitere Aufsätze über mein Buch[10], die ich aber selbst noch nicht gesehen habe. Der Erfolg des Buches ist wahrhaft merkwürdig und für sich allein schon eine kultur-historisch bedeutsame Erscheinung.
Es ist mir sehr von Wert zu erfahren, daß Sie das Buch von Driesch besprechen[11]. Da wäre es mir sehr lieb, wenn Sie die Gelegenheit ergreifen würden, auf mein Buch hinzuweisen, auf das sich ja Driesch, wie ich sehe, in zustimmender Weise beruft. Es ist mir natürlich sehr von Wert, wenn bei jeder vorkommenden Gelegenheit das Buch erwähnt wird, so z. B. hat[b] auch jüngst Prof. Reich-Wien[12] in einem Artikel in der Frankfurter Zeitung über das neue Buch von Adler[13] („Nervöse Charaktere“) mein Buch erwähnt: was mich um so mehr freute, da ich zu Reich gar keine Beziehungen habe.
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