Max Frischeisen-Köhler an Vaihinger, o. O., o. D. [nach 19.4.1912], 3 S., Ts. mit eU, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 s, Nr. 2
Hochverehrter Herr Geheimrat!
Nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilen[1] und für die freundliche Uebersendung Ihres grossen Werkes, das ich in diesen Tagen erhalten habe. Ich freue mich sehr, dass Sie ein so freundliches Interesse an meinem Buche[2] gefunden haben und ich glaube, dass bezüglich der Auffassung vom Werte der Empfindungen für die Wissenschaft und auch der Quellen des Realitätsbewusstseins ich mich Ihrem Standpunkte bedeutend nähere. Wieweit die Uebereinstimmung im Einzelnen geht, werde ich aus dem Studium Ihres Werkes baldigst genauer erkennen. Es bedarf keiner Versicherung, dass ich diesem Studium mit grosser Spannung entgegensehe, da schon ein flüchtiger Blick auf die Inhaltsangabe und die ebenfalls interessanten Kritiken einen verlocken|den Reichtum an Ideen und Auseinandersetzungen erwarten lässt. So ist es selbstverständlich, dass ich Ihren idealistischen Positivismus in der neuen Auflage des Deterschen Grundrisses gebührend würdigen werde. Auch freue ich mich, dass Herr Cassirer in dem philosophischen Jahresbericht Ihr Werk[a] ausführlich besprechen wird.
Gegenwärtig bin ich mit der Ausarbeitung des Vortrages[3] beschäftigt, den ich jüngst an dem ausserordentlich besuchten Abend der Kantgesellschaft[4] hielt, an welchen, wie Herr Dr. Liebert Ihnen wohl schon mitgeteilt haben wird, eine lebhafte Diskussion sich schloss. Die Idee der Ausgabe des Vortrages in einzelnen Abhandlungen finde ich ausserordentlich glücklich und ich persönlich bin selbstverständlich mit den von Ihnen vorgeschlagenen Leitsätzen[5] einverstanden.
Indem ich hoffe, | dass Sie in diesem meinen hoffentlich recht bald herauskommenden Vortrag, der von einer anderen Seite[b] aus den Grundgedanken meines Buches behandelt, verwandte oder doch wenigstens anzuerkennende Ausführungen erblicken möchten, und in der weiteren Hoffnung, Sie in nicht allzuferner Zeit persönlich begrüssen zu dürfen, spätestens bei der nächsten Generalversammlung in Halle, verbleibe ich mit der ausgezeichnetsten Hochachtung ganz ergebenst
M. Frischeisen-Köhler.