Rudolf Eisler an Vaihinger, Wien, 27.1.1912, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 d, Nr. 2

Hochgeehrter Herr Geheimrat!

Empfangen Sie meinen besten Dank für Ihr Buch[1], welches sehr interessant ist (ich habe gleich darin gelesen); in meinem „Philosophen-Lexikon“ handelt es sich nur um einen Druckfehler[2], den ich bei einer ev[entuellen] 2. Auflage berichtigen werde. – Die „Neue Fr[eie] Presse“ hat mir (und andren Mitarbeitern) schon öfter solche Streiche gespielt[3], dabei werde ich Mühe haben, mein Manuskript zu bekommen, da dieses wahrscheinlich nicht mehr zu finden ist (½ Jahr lag es dort). Sollte ich es noch | bekommen, so werde ich trachten, es anderswo unterzubringen. In dem 1 bändigen „Handwörterbuch[a] der philosophischen Begriffe[4]“ (ca. 50–60 Bogen), das ich jetzt auf dringenden Wunsch meines Verlegers für weitere Kreise und jüngere Studierende etc. schreibe, werde ich das Wichtigste Ihrer Lehren (Begriff, Denken, Fiktionen u. a.) anführen. Den Vortrag von Reininger[5] konnte ich leider wegen Augen- und Kopfschmerzen nicht besuchen. Es dürften aber wohl Diskussionsabende darüber stattfinden. Von Ihrem Buche wird in hiesigen philosophischen Kreisen ziemlich viel gesprochen, es wird | allseitig sehr geschätzt. Ich meine, es war jedenfalls richtig, die vielen Begriffe, von denen Ihr Buch handelt, einmal so zu betrachten, als ob sie bloße Fiktionen wären; das wirkt heuristisch und kritisch klärend. Vielleicht gibt es (–Kategorien)[b] auch „fictiones bene fundatae[6]d. h. „Zutaten“ zum „Gegebenen“, denen im „An sich“ etwas Analoges entsprechen mag (etwa „tätige Subjekte“, „wirksame Einheiten“, zielstrebige Faktoren analog der Fiktionen bildenden, zweckmäßig funktionirenden aktual-|dynamischen eigenen Subjekt-Einheit, der Voraussetzung aller Fiktion, die also – als unmittelbares Funktioniren – nicht selbst Fiktion, sondern Realität und Muster aller selbstständigen Realität sein muß, beziehungsweise[c] sein kann). So kann – wie Sie übrigens selbst angeführt haben – kritische Metaphysik selbst aus dem „positivsten“ Idealismus Kapital schlagen: durch Multiplicirung[d] des dem Idealismus zugrundeliegenden Bewußtseins und seiner im Funktioniren und einheitlichem Funktionszusammenhang unmittelbar vorliegenden Aktivität oder Reaktivität.

Mit hochachtungsvollstem Gruße Ihr ergebenster

Dr Rud. Eisler.

Kommentar zum Textbefund

aHandwörterbuch ] Unterstreichung wie in der Vorlage
b(–Kategorien) ] Zeichensetzung wie in der Vorlage
cbeziehungsweise ] bezw.
dMultiplicirung ] Lesung unsicher

Kommentar der Herausgeber

1Ihr Buch ] vgl. Eisler an Vaihinger vom 11.5.1911
2Druckfehler ] nicht ermittelt, vgl. den Eintrag zu Vaihinger in: Eisler: Philosophen-Lexikon. Berlin: Mittler und Sohn 1912, S. 779: http://www.zeno.org/Eisler-1912/A/Vaihinger,+Hans (28.6.2022).
3solche Streiche gespielt ] vgl. Vaihinger an Hans Prager vom 14.2.1912
4Handwörterbuch der philosophischen Begriffe ] vgl. Eisler: Handwörterbuch der Philosophie. Berlin: Mittler und Sohn 1913.
5Vortrag von Reininger ] vgl. Vaihinger an Hans Prager vom 6.7.1911 (1)
6fictiones bene fundatae ] lat. etwa: gut/wohl begründete Fiktionen