Vaihinger an Hans Prager, Halle, 18.10.1911, 4 S., hs., Briefkopf GEH. REG.-RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131794
18.X.1911
Sehr geehrter Herr Prager!
Ihre Ausführungen, betr[effend] die „Zeit“[1] sind sehr treffend: ich habe Ihren Rath sofort befolgt.
Goldscheid hat schon vor einiger Zeit eine Besprechung für die Annalen[2] übernommen und zugesagt.
Die Berufung von Misch nach Marburg[3] hat wohl ihre Richtigkeit: er war nicht vom Plenum der Fakultät wol aber von einer Minorität von 4 Stimmen durch ein Separat Votum[a], und die Regierung will ihn unterbringen (er war auch schon in Göttingen als Ordinarius vorgeschlagen). Er ist übrigens, wie Cassirer auch Jude, und ist Schwiegersohn des jüngst verstorbenen Dilthey. Sein Werk über die Geschichte der Autobiografie ist sehr[4] | gut[b], aber nicht eigentlich philosophisch. In der Philosophie muß er sich erst bewähren. Er ist aber einstweilen nur Extraordinarius.
Herzl[ichen] Dank, betr[effend] Ewald, daß er für die oesterr[eichische] Rundschau schreiben will[5], ist mir sehr lieb, ich werde wol auch noch in diesem Sinne an ihn schreiben.
Lipsius ist jetzt Privatgelehrter, war früher Theologe in Jena; er will sich für Philosophie irgendwo habilitiren; hat erkenntnistheoretisches zur Theologie geschrieben sehr freisinnig, mußte daher seine Privatdocentur in Jena aufgeben, lebt jetzt in Bremen, habe ihn jüngst besucht[6].
Über Eisler denke ich ganz wie Sie. Man unterschätzt ihn oft. Wenn er nicht fürs Brod arbeiten müßte, würde er ja wohl auch Systematisches schreiben können. | In[c] der Vorrede zu F. C. S. Schillers[d] Humanismus-Übersetzung[7] hat er die Phil[osophie] d[es] A[ls] O[b] auch schon erwähnt. Ich kann Ihnen die Einführung bei ihm ganz einfach machen, indem ich Ihnen anbei einen an ihn adressirten Brief mitsende[8], den Sie ihm übergeben können, und in welchem ich Sie ihm bestens empfehle.
Gleichzeitig sende ich Ihnen die zweite Rezension von Dr Oehler[9] aus der täglichen Rundschau, mit der Bitte, sie später mir wieder gelegentlich zurückzusenden – Eile hat es nicht.
Mit besten Grüßen Ihr
H. Vaihinger |
P. S.[e]
Soeben erhalte ich den innenliegenden Brief von Moszkowski[10], den ich Ihnen zur Einsicht sende und um dessen Rücksendung ich Sie bitte. Der Brief wird Sie interessiren und Sie amüsiren. Auf Ihre freundl[iche] Mitteilung hin wandte ich mich an ihn (dessen Frau ich zufällig im vorigen Jahre in Thüringen kurz kennen gelernt hatte)
V.
Der Brief an Jentsch[11] ist schon gestern Abend abgegangen.