Vaihinger an Hans Prager, Halle, 12.10.1911, 6 S., hs., Briefkopf GEH. REG.-RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131793
12.10.1911
Sehr geehrter Herr!
Verbindlichsten Dank für Ihre freundl[ichen] Hinweise. Ihre Nachricht, betr[effend] die Selbstanzeige in der „Zukunft“[1] erreichte mich lange eher, als die Belege selbst ankamen, und war mir darum sehr lieb. Und die Schlußstelle in Hegenwalds Aufsatz[2] wäre mir ohne Ihren freundlichen Hinweis wol entgangen, da ich nur wenig mehr lesen kann. So habe ich sie, dank Ihrer freundlichen Nachricht, mit großem Interesse gelesen. Ich empfinde Ihre freundlichen Mitteilungen als sehr wertvollen Beweis Ihrer freundschaftlichen Teilnahme. |
Vor einiger Zeit schon ergieng[a] beiliegende Requisition der „Zeit“[3] an den Verlag, gieng mir aber verspätet zu, weil ich von Goslar aus, wohin ich mich zur Nachkur von Büsum[4] aus begeben hatte, nach Berlin fuhr, und mich dort einige Tage aufhielt, und weil ich nach der Rückkehr hierher mich sehr wenig wol fühlte. Nun geht es wieder ein wenig besser.
Was ist nun zu thun? Wenn die „Zeit“ eine Besprechung bringen will, was mir sehr angenehm ist, so kann sie entweder das Jentsch übertragen; dieser hat schon ein Exemplar. Oder: die Zeit kann einem andern Herrn die Sache übertragen α) einem solchen in Wien, der schon ein Exemplar hat (Ewald, Reininger, Jodl, Goldscheid) oder β) einem Solchen, der noch keins | hat. Dann würde ich veranlassen, daß ein Ex[emplar] gesendet wird.
Vielleicht erwägen Sie diese 3 Möglichkeiten, und bringen die Sache in meinem Namen bei der „Zeit“ in Ordnung in irgend einer Weise. Am einfachsten wäre ja wol die Übertragung an Jentsch, aber vielleicht will die Redaktion einen Andern, und[b] vielleicht ist[c] aus diesem Grunde ihr Schwanken zu erklären. Also ich überlasse die Ordnung der Sache – im Voraus bestens dankend – Ihrem Takte, der sich ja schon bisher so bewährt hat.
Sie erkundigten sich freundlich nach der Besprechung des Buches[5] in der Köln[ischen] Zeitung. Ich sende die Besprechung mit, mit der Bitte | um spätere Rücksendung; diese hat Zeit, bis ich Ihnen auch eine zweite Besprechung desselben Autors sende, welche, wie ich höre, so eben in der Täglichen Rundschau[6] erscheint mit dem Titel: „Ein philosophisches Ereignis“. Diese erhalten Sie in den nächsten Tagen, sobald ich sie selbst erhalte.
Daraus kann ja auch die „Zeit“ ersehen, daß sie wol tut, eine Besprechung des Buches zu bringen.
Wenn Ewald vom Lande zurück ist, finden Sie vielleicht Gelegenheit, mit ihm wegen der „Oesterr[eichischen] Rundschau“ zu sprechen. Eisler ist leider so leidend, daß sein Artikel[7] in der Neuen Fr[eien] Presse wohl noch lange auf sich warten läßt? |
Sehr[d] verbunden bin ich Ihnen für den Hinweis auf den Aufsatz von Moszkowski[8].[e] Leider ist die betreffende Zeitschrift für meine Augen sehr schlecht gedruckt, so daß ich mich nur vorläufig etwas hineinlesen konnte, und auch dies nur mit directen Augenbeschwerden: Immerhin habe ich so viel gesehen, daß der Aufsatz sehr interessant ist und thatsächlich teilweise nahe Beziehungen zur Fictionstheorie enthält.
Über dasselbe Thema schreibt jetzt auch Dr Lipsius in einem bald erscheinenden erkenntnistheoretischen Werk[9] ein eigenes Kapitel. Die Sache scheint sehr wichtig zu sein. |
Es wird Sie interessieren, da Sie Cassirer in Ihrem letzten Brief[10] erwähnten, daß dieser jetzt in Marburg vorgeschlagen[11] ist als Extraordinarius; dort hat derjenige, der ernannt wird, Aussicht, bald Nachfolger Cohens zu werden, der im nächsten Jahre zurücktreten will. Da wird er nämlich 70 Jahre alt. (Bei dieser Gelegenheit bringen die K[ant-] St[udien] auch 2 Festartikel nebst Bild[12].)
Cassirer ist allerdings mit 2 anderen vorgeschlagen: G. Lipps[f] in Leipzig (der jetzt schon in Zürich ist) sowie Witasek-Graz. Cassirer hat aber die meisten Aussichten für Marburg. –
In Ihrem Brief vom 25. August[13] klagten Sie über Widerwärtigkeiten in Folge Wahrheitsagens. Hoffentlich hat sich auch diese Sache zu Ihrer Zufriedenheit entwickelt.
Mit besten Wünschen und Grüßen Ihr
H. Vaihinger