Vaihinger an Hans Prager, Goslar, 21.9.1911, 5 S., hs., Briefkopf GEH. REG.-RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131791
21.9.1911
z. Z. Goslar
Kloster Frankenberg
Sehr geehrter Herr!
Schon lange wollte ich Ihnen schreiben auf Ihre Karte[1] hin, aber ich war in meinem Nordseeaufenthalt[2] längere Zeit so leidend, daß ich ihn endlich aufgeben mußte und mich hierher zur Nachkur begab, wo ich aber nur noch einige Tage bleibe.
Nun erreicht mich heute hier Ihre Besprechung[3] der Phil[osophie] d[es] A[ls] O[b] in der Frankf[urter] Zeitung, die ich sofort mit dem größten Interesse und mit der größten Befriedigung gelesen habe. | Sehr[a] treffend haben Sie in Ihrer Besprechung an die verschiedenen Reformversuche der Logik angeknüpft, und hierüber mein Buch eingereiht, von dem Sie, trotz des knappen Raumes, ein ausführliches Bild gegeben haben. Auch für Ihre kritischen Bemerkungen bin ich Ihnen dankbar, unter denen mich bes[onders] der Hinweis auf Bahnsen interessiert, von dem ich selbst sehr viel halte, und den auch ich höher schätze, als man das gemeinhin thut. Es dringt immer mehr die Erkenntniß seiner Bedeutung durch. Neuerdings beschäftigt sich auch E. Horneffer näher[4] mit diesem eigenartigen Denker, dessen Zeit noch kommen soll.
Ihre Besprechung wird nicht verfehlen, weitere Kreise auf das Werk aufmerksam zu machen. |
Hoffentlich[b] erscheint nun auch bald Ihre Abhandlung in der Schwarz’schen Zeitschrift[5], die sicher eine wertvolle Ergänzung Ihrer jetzigen Ausführungen geben wird. –
Nun komme ich auch dazu, Ihnen zu der geschickten Art zu gratulieren, mit der Sie die Schrift von Minlos behandelt haben, deren Besprechung[6] kein leichtes Problem war. Sie haben dem Mann die Meinung gesagt, ohne ihm wehe zu thun, und dafür wird er Ihnen sehr dankbar sein. Seine Adresse finden Sie im Mitgliederverz[eichnis] d[er] Kant-Ges[ellschaft].
Ich habe mich in Halle bei der Druckerei erkundigt, ob Ihnen die Ihnen gebührenden Separatabzüge zugesendet worden sind; danach ist das ge|schehen,[c] und Sie werden sie wol unterdessen erhalten haben.
Daß Sie auf das Honorar zugunsten der Kant Ges[ellschaft] verzichten wollen, ist besonders rührend. Ich teile dies dem stellv[ertretenden] Geschäftsführer mit, der sonst gegen Ende des Jahres die Honorare versendet. Wir verwenden solche uns zur Verfügung gestellten Honorare dazu, um solchen, die es brauchen, den Jahresbeitrag leichter zahlbar zu machen, und wir haben deren eine größere Anzahl. –
Es sind nun eine größere Anzahl[d] von Abhandlungen über mein Buch in Arbeit, und ganz besonders die Oesterreicher sind es, welche die Bedeutung meines Buches zuerst erfaßt haben, | so[e] außer Ihnen und Jerusalem besonders Eisler, und ganz besonders Goldscheid, sowie Prof. Hönigswald-Breslau, auch ein Oesterreicher, der jüngst in Jena vorgeschlagen war neben Bauch als Nachfolger Liebmanns. Daß Prof. Bauch berufen ist, ist Ihnen ja wohl bekannt – eine Ehre für die Kantstudien und ein Vortheil für die Kantgesellschaft.
So viel für heute. Ich schreibe unter erschwerenden Umständen, erkältet, bei schlechter Beleuchtung, wie mir überhaupt mein Augenleiden mein Dasein überaus erschwert.
Mit herzlichem Dank für die schöne Besprechung meines Buches Ihr dankbar ergebener
H Vaihinger