Vaihinger an Hans Prager, Büsum, 23.8.1911, 4 S., hs., Briefkopf GEH. REG.-RAT | PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131790
z. Z. Nordseebad Büsum (Holstein)
Johannsen Allee 16
23.8.1911
Sehr geehrter Herr!
Dieser Brief kommt aus dem Nordseebad Büsum eine Stunde von Wesselburen, der Heimat Hebbels, der in Wien eine zweite Heimat gefunden hat. So finden Männer und Ideen, fern von ihrer Heimat und ihrem Ursprungsort in einem fremden Milieu oft bessere und raschere Aufnahme.
Fast ist es auch so mit meinen eigenen Ideen, welche in dem weltfrohen Wien eine so sympathische Aufnahme finden. Außer Ihnen hat bes[onders] Prof. Jerusalem dem Buch seine besondere Sympathie zugewendet. Er schreibt mir aus Seis am Schlern, daß er den Aufsatz[1] für die | „Zukunft“ demnächst absenden werde. Übrigens habe ich für die „Zukunft“ auch eine Selbstanzeige[2] geschrieben, weiß allerdings nicht, ob sie schon erschienen ist darin.
Die „Zeit“[3] jedoch hat sich sehr sonderbar benommen. Erst verlangte sie von selbst ein Recensionsexemplar. Nachdem Sie so freundlicherweise auf der Redaktion für mich gewesen waren, wandte ich mich an Jentsch in Neiße nach Ihrem Rat. Dieser bringt dem Buch auf Grund des Prospects großes Interesse entgegen und schreibt in diesem Sinne an die „Zeit“. Darauf erhält er den inliegenden[a] ablehnenden Bescheid!!
Ob man nun doch noch die Redaktion der „Zeit“ aufklärt über die Bedeutung des Buches? Vielleicht wartet man damit, bis | die bedeutenderen Tageszeitungen sich geäußert haben.
Jüngst brachte die „Kölnische Zeitung“[4] auch einen kurzen Aufsatz: „Die Als-Ob-Betrachtung, ein neuer Ausweg“ von einem Schüler von mir[5], Dr R. Oehler, aber ohne tieferes Verständniß.
Sehr großen Wert würde ich auf einen Aufsatz in der Oesterr[eichischen] Rundschau[6] legen. Wer möchte ihn schreiben? Vielleicht Reininger? Vielleicht Ewald? So lange noch die Sommerferien dauern, ist ja wenig zu machen. Vielleicht behalten Sie die Frage im Auge, bis die Herren aus den Ferien nach Wien zurückkehren; dann lässt sich vielleicht eher ein energischer Vorstoß machen.
Die Rücksendung des Briefes der „Zeit“ ist darum auch nicht auch jetzt nicht nötig. |
Mit großem Interesse habe ich Ihre Besprechung des Natorpschen Buches[7] gelesen, welche dem warmherzigen Büchlein und seinem edlen Autor ein so[b] warmherziges Willkommen entgegenruft. Natorp ist ein edler Idealist, auch im Leben; ich kenne ihn schon seit 30 Jahren. Sie sollten einmal eine Studienreise in Deutschland[8] machen und uns Alle besuchen, vielleicht macht sich das zum nächsten Kanttag[9] in Halle (April 1912). Dreyer[10] ist jetzt auch in Deutschland, und kommt heute durch Halle durch, leider kann ich ihn nun doch nicht begrüßen.
Mit besten Wünschen und Grüßen Ihr ergebener
H. Vaihinger.