Vaihinger an Fritz Mauthner, Halle, 7.7.1911, 5 S., hs. (andere Hd., mit eigenhändiger Grußformel und eU), Briefkopf PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Leo Baeck Institute New York, Fritz Mauthner Collection, https://archive.org/details/fritzmauthner_08_reel08/page/n688/mode/1up (S. 689–725)
7.7.1911.
Sehr geehrter Herr!
Haben Sie besten Dank für Ihre freundlichen Briefe[1] und insbesondere für das gütige Geschenk Ihres Wörterbuches der Philosophie; es ist fast schade, daß Sie den guten Gedanken des Titels: „Das Wörterbuch der Philosophie“ auf[a] Rat Ihrer Freunde aufgegeben haben[2]. Es ist ja in der Tat eine überaus belehrende Zusammenstellung desjenigen Wortschatzes oder vielmehr Wörterschatzes, dessen sich die Philosophie bedient. Es ist unzweifelhaft eine gute Idee und ein großes Verdienst, diese Begriffe, mit denen die Philosophen operieren, einmal alle gründlich zu analysieren[b], speziell auch vom sprachlichen Standpunkte aus; denn darin haben Sie ja ganz Recht: eine Kritik der | Vernunft muß zugleich eine Kritik der Sprache sein.
Ich habe begonnen, mehrere Artikel durchzustudieren, die mich besonders und in erster Linie interessieren, so zum Beispiel Anthropomorphistisch, Laplace’scher Geist, Pragmatismus, Wahrheit. Leider bin ich aus rein äußeren Gründen nicht sehr weit gekommen. Die beiden Bände sind von Ihrem Herrn Verleger so unhandlich gestaltet worden, daß sie für mich nicht zu handhaben sind; und so will ich mir erst vom Buchbinder die beiden Bände so zuschneiden lassen, das sie für mich besser lesbar werden. Es ist schade, daß Ihr Herr Verleger in bester Absicht, aber nicht in geschickter Ausführung, die Bände so voluminös gestaltet hat: erstens hat er viel zu starkes Papier genom|men, und zweitens hat er den Rand zu breit gemacht; das erschwert die Handhabung. Hoffentlich schadet es dem Absatz nicht; denn es ist wirklich zu wünschen, daß das interessante Buch in recht viele Hände komme.
Ich habe auch schon mit meinem Collegen, Prof. Dr. Bauch gesprochen, daß wir über das Buch eine Rezension[3] bringen wollen.
Immerhin habe ich auch schon aus dem Buche viele Anregung geschöpft. So hat mich sehr interessiert, was Sie am Beginn Ihrer Einleitung über bildliche Vorstellungen sagen und am Schluß derselben über Scheinbegriffe; es deckt sich das vollständig mit dem, was ich selbst in meinem Buche ausgeführt habe, wie ich überhaupt viele Berührungspunkte | zwischen uns gefunden habe. Natürlich habe ich mit besonderem Interesse die Stellen nachgeschlagen[4], in welchen Sie auf die Bedeutung des Als-Ob aufmerksam machen; besonders die Stelle im zweiten Bande ist mir von besonderem Werte; Sie war mir bisher unbekannt geblieben. Den beiden ersten Zitaten bin ich wohl gelegentlich früher begegnet, hatte sie aber nicht notiert. Es ist sehr interessant zu sehen, daß Sie die Bedeutung des Als-Ob schon herausgefunden haben. In einer zweiten Auflage Ihres Buches werden Sie vielleicht einen eigenen Artikel[5] mit diesem Schlagwort einfügen; freilich wird das immerhin noch einige Zeit anstehen, und es würde mir sehr leid sein, wenn ich auf ein Echo Ihrerseits in der Öffentlichkeit[c] noch mehrere Jahre warten müßte. |
Ihre[d] Maxime, niemals eine Rezension zu versprechen, ist eine sehr kluge Lebensregel, die man als erfahrener Schriftsteller nur billigen kann; aber vielleicht finden Sie auch ohne festes Versprechen doch eine Gelegenheit, sich über mein Buch öffentlich zu äußern, vielleicht gerade in den „Süddeutschen[e] Monatsheften“, an denen Sie ja mitarbeiten. Sie könnten dies ja in der Form tun, daß Sie mein Buch als eine Bestätigung Ihrer eigenen Anschauung darstellen, was es ja auch in der Tat ist. Sie können ausführen, daß ich von einem ganz anderen Ausgangspunkte aus, ungewollt und ungesucht eine Bestätigung dessen gebe, was Sie selbst wollen.
Mit besten Wünschen und Grüßen Ihr ergebenster
H. Vaihinger[f]