Erich Adickes an Vaihinger, Tübingen, 6.6.1911, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 1 b, Nr. 8
Tübingen 6/6 11.
(bis 8/6: Obertal, Schwarzwald[a]).
Hochgeehrter Herr College!
Schönsten Dank für Ihre wertvolle Gabe[1], an der (resp. an deren Inhaltsverzeichniss)[b] ich bisher leider nur hier und da etwas herumschnüffeln konnte. Im Juli aber werde ich ihn[c] näher kennen: in meinen philosoph[ischen] Übungen[2] werde ich ein Referat über Ihr Werk halten lassen und mich dann selbst in seinen Inhalt energisch vertiefen. Zu einer Besprechung freilich werde ich keine Zeit finden,[d] da alle möglichen Aufgaben meiner noch lauern, die rasch erledigt werden müssen. In der nächsten Woche erscheint der I. Band von Kants handschriftlichem Nachlass[3] und eine Schrift: „Kants Ansichten über Geschichte und Bau der Erde“[4]. Die letztere werde ich Ihnen zu meiner Freude übersenden | können, den Band der Akademie-Ausgabe leider nicht, da ich nur ein Minimum von Freiexemplaren bekomme. Nun ist der II. Band (Anthropologie) sofort in Angriff genommen und soll noch in diesem Jahr erscheinen. Dafür muss ich mit Macht Manuskript vorbereiten, dann sollen womöglich Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres noch 2 Schriften herauskommen: „Kant als Naturwissenschaftler“ und „Kant als Aesthetiker“[5]; die erstere ist in Gedanken schon fertig, zur zweiten bringen der II. und III. Akademieband (Anthropol[ogie] und Logik) das Material. Sie sehen also: Arbeit die Hülle und Fülle. Wie bei Kant hielt „ein Damm“[6] alle weitern Ausarbeitungen zurück: das war sein naturwissenschaftlicher Nachlass. Nun er gefallen ist, ergießt sich der Strom angesammelter Materialien.
Hoffentlich haben Sie für meine „Untersuchungen zu Kants phys[ischer] Geographie“ für die Kantstudien einen sachkundigen Referenten[7] gefunden. Was ich bisher von Besprechungen zu sehen bekam, war | ein lebendiger Beweis für den Tiefstand unserer literarischen Kritik. Nicht einmal die 3 oder 4 Seiten, auf denen ich meine Resultate zusammenfasste, kann die Bande (Arth[ur] Buchenau[8] im Litterar[ischen] Centralblatt eingeschlossen) richtig lesen und einen objektiven Auszug daraus machen; stattdessen berichten sie irgendeinen Blödsinn, den ich nie behauptet habe. Es ist wirklich deprimirend, wenn die Kritik nicht einmal imstande ist zu erkennen, worin das Neue besteht, was man bringt, und darüber rein objektiv zu berichten. Geht es mit den übrigen Recensionen in diesem Stil fort, dann werde ich ein Strafgericht abhalten, indem ich die Kerls öffentlich bloßstelle (ich bräuchte nur nebeneinander abdrucken zu lassen, was ich gesagt habe und was sie mich behaupten lassen).
Seit Donnerstag ist Kollege H[einrich] Maier zu Verhandlungen in Berlin u. Göttingen[9]. Ich fürchte sehr, dass er annimmt. Für den Fall, dass es geschieht, wüsste ich gern Ihre Meinung. Am liebsten hätte ich Külpe; aber ob er aus Bonn weggeht, ist mir mehr[e] als fraglich. Einen | experimentellen Psychologen können wir nur brauchen, wenn er sich allerseits umgesehen hat und neben der ganzen systematischen Philosophie (Aesthetik ist nicht erforderlich, da K. Lange[10][f] sie besorgt) auch[g] Geschichte der Philos[ophie] vertritt. Ausser experimentellen Psychol[ogen] ist ja nicht allzu viel Gescheites da. Wenn irgend möglich müssen wir uns aus Rücksicht auf Spitta[11] an Ordinarien halten, und zwar an solche von Erfahrung. Darum wird man auch kaum an Medicus[12] denken können, so sympathisch er mir als Mensch wäre. Hat er dort Erfolg mit Übungen und Vorlesungen gehabt? Ist er nicht etwas unproduktiv? oder nicht durch lange Wartezeit etwas rauer und pessimistisch geworden? Ich habe ihn seit[h] 10 Jahren nicht mehr gesehen. Was halten Sie von Becher[13], Dürr[14]? P[aul] Barth[15]?[i] Husserl hatte doch nur wenig Lehrerfolg[16] bei Ihnen? Schreiben Sie doch auch sonst, wen Sie etwa für passend halten. Die Sache wird noch schwieriger, da ja auch Leipzig und (nach Zeitungsnachrichten) auch Strassburg warten. Wissen Sie, in welcher Richtung dort[j] die Wünsche sich bewegen? Was hat denn eigentlich Meumann[k] bewogen, nach Hamburg zu gehen[17]? Konnte er doch schliesslich mit Wundt nicht auskommen?
Mit herzlichem Dank für Ihr Werk wie für kommende freundliche Auskunft[18] Ihr aufrichtig ergebener
Adickes.[l]