Götz Martius an Vaihinger, Kiel, 5.5.1911, 4 S., hs., Briefkopf Monogramm GM | KIEL | HOHENBERGSTRASSE 4., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 8 f, Nr. 1
5.5.11
Sehr verehrter Herr Kollege!
Es hat mir auch sehr Leid getan, daß ich bei der Gelegenheit der Rectorenconferenz[1] nicht den Vorzug hatte, Sie zu sehen. Die kurzen Tage waren aber durch die Sitzungen einerseits und durch die Verpflichtungen meinen Eltern[2] gegenüber so in Anspruch ge|nommen, daß ich zu nichts Anderem Zeit fand.
Ihre Anfrage[3] in Bezug auf Deussen kann ich nur dahin beantworten, daß mir über seine Absicht, die Tätigkeit niederzulegen, nicht das Geringste bekannt ist. Es ist mir auch sehr unwahrscheinlich, daß er sich mit solchen Gedanken trägt, da er gerade seine Vorlesungsverpflichtungen mit großem Eifer erfüllt, auch sonst körperlich in der letzten Zeit keineswegs irgendwie | zurückgegangen ist. Sein Augenübel scheint ihn wenig zu stören; er versteht es sehr gut, sich von Andren helfen zu lassen. Ich nehme daher an, daß das Gerücht nur auf den früher einmal vorhanden gewesenen Möglichkeiten beruht, die aber auch nicht ernst zu nehmen waren. Ich glaube, ich habe Ihnen seinerzeit berichtet[4], auf welchen Thatsachen sie fußen.
Von der „Als ob“-Philosophie[5] Kenntnis zu nehmen, wird mich sehr interessiren. Mir scheint, daß viel richtiger Idealismus | darin verborgen ist.
Mit dem besten Dank für Ihre fr[eundliche] Zusendung und den besten collegial[en] Grüßen Ihr sehr ergebener
G Martius