Max Apel an Vaihinger, [Berlin-] Charlottenburg, 3.2.1911, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 1 g

Hochgeehrter Herr Professor!

Haben Sie herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilen[1].

Wenn ich irgend kann, hoffe ich dies Mal zur Generalversammlung nach Halle[2] kommen zu können. Nach Bologna[3] kann ich nicht.

Georgy[4] ist Dozent der F. H.[5], wohnt aber noch in Halle. Leider finden seine Ankündigungen nicht großen Zulauf: Das Thema „Hebbel“ ist eben zu speziell. Wir schätzen seine Bücher und wünschten ihm einen weiteren Kreis von Lesern u. Freunden zu verschaffen. Es ist Schade[a], daß für solche Menschen nicht Mittel zur Verfügung stehen, um ihnen wenigstens eine Zeitlang freie Bahn zu weiteren Leistungen zu geben. Mir schiene solche Nobelstiftung[6] viel notwendiger | als der jetzige Modus. Es giebt doch auf allen Gebieten geistigen Schaffens tüchtige Menschen, denen durch solche Spenden geholfen wäre zu weiterer Betätigung. –

Vor einem viertel Jahr haben wir in Steglitz Prof. Thiele[7] zu Grabe geleitet. Ein klägliches Begräbnis (im ganzen etwa 12 Leidtragende). Ich denke, über Thiele werden in den Kantstudien ein paar Gedenkworte[8] erscheinen. Er war seit[b] seinen Primaner-Zeiten ein Dauernder Verehrer Kants u. hat ihm ein tiefes Studium gewidmet.[c]

Mit ergebenstem Gruß Ihr

Max Apel

Kommentar zum Textbefund

aSchade ] so wörtlich
bseit ] danach gestrichen: den
cVor … gewidmet. ]  Neigungswinkel der Schrift (nach Neuansatz des Schreibens?) signifikant verändert; stärkere Rechtsneigung als im übrigen Ms.

Kommentar der Herausgeber

1Ihre liebenswürdigen Zeilen ] nicht ermittelt
2Generalversammlung nach Halle ] der Kantgesellschaft am 29.4.1911, vgl. die Einladung in: Kant-Studien 16 (1911), S. 130–131.
3Nach Bologna ] dem Veranstaltungsort des IV. Internationalen Kongresses für Philosophie, 6.–11. April 1911.
4Georgy ] d. i. der Schriftsteller Ernst August Georgy (1858–1930), Dozent für Literatur und Ästhetik an der Freien Hochschule Berlin, veröffentlichte u. a.: Die Tragödien Friedrich Hebbels nach ihrem Ideengehalt. Leipzig: Avenarius 1904 (2., verbesserte Aufl. 1911), vgl. Gangolf Hübinger: Die monistische Bewegung. Sozialingenieure und Kulturprediger. In: Ders., Rüdiger vom Bruch, Friedrich Wilhelm Graf (Hg.): Kultur und Kulturwissenschaften um 1900 II. Idealismus und Positivismus. Stuttgart: Franz Steiner 1997, S. 245–259, hier S. 250 sowie http://www.thueringer-literaturrat.de/autorenlexikon/georgy-ernst-august/ (16.11.2021).
5F. H. ] aufzulösen nach: Freie Hochschule (Berlin), von Max Apel gemeinsam mit Bruno Wille und Wilhelm Bölsche 1902 als Institution frei zugänglicher Erwachsenenbildung gegründet (vgl. Bruno Wille: Die freie Hochschule als Mittel zur Steigerung unserer Volkskultur. Festrede zur Eröffnung der „Freien Hochschule Berlin“ im Bürgersaale des Berliner Rathauses am 13. Januar 1902. Eisenach u. a.: Thüringische Verlags-Anstalt 1902; ders.: Die Freie Hochschule als Mittel zur Steigerung unserer Volkskultur. Festschrift zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Freien Hochschule Berlin. Berlin-Schöneberg: Fortschritt 1912).
6Nobelstiftung ] gegründet am 29.6.1900 zur Finanzierung und Verwaltung der Nobelpreise für Physik, Chemie, Physiologie/Medizin, Literatur (zu verleihen an die höchste Leistung in idealistischer Richtung) sowie des Friedensnobelpreises (https://www.nobelprize.org/ (3.9.2024)).
7Prof. Thiele ] Günther Thiele (1847–1910), gestorben am 20.10.1910 in Berlin, 1882 ao. Prof. in Königsberg, 1885–1898 dort o. Prof., im Ruhestand in Berlin (BEdPh).
8in den Kantstudien ein paar Gedenkworte ] es ist kein Nachruf auf Thiele in: Kant-Studien erschienen.