Vaihinger an Friedrich Jodl, Brennerbad (Tirol), 4.9.1909, 4 S., hs., Briefkopf, unter Ansicht des Hotels in umgebender Landschaft (signiert ORELL FÜSSLI): GRAND-HOTEL MIT STERZINGERHOF | BRENNERBAD – TIROL.[a] | 1326 Meter ü. d. M. | Höhenkurort. – Thermalbad. – Wasserkuranstalt. | Bahn-, Post- und Telegraphenstation. | Eigentümerin: Brennerbad-Gesellschaft in Brixen. Gesellschaft […][b], Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-222259

Hochgeehrter Herr College!

In einer alten Wiener Zeitung[1] lese ich, daß Sie vor einiger Zeit Ihren 60. Geburtstag[2] gefeiert haben, und das Ihnen bei dieser Gelegenheit ehrenvolle | Ovationen zu Theil geworden sind. Ich habe das Bedürfniß, auch meinerseits Ihnen nachträglich meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen, nicht blos in dankbarer Erinnerung an Ihre einstige freundliche Thätigkeit für die Kantgesellschaft[3], sondern auch insbesondre in dankbarer Anerkennung Ihrer allgemeinen wissenschaftlichen Wirksamkeit, an der mich ganz besonders Ihr freimüthiges Eintreten für die alten Ideale der Aufklärung freut, in einer Zeit, in der gerade so viele Philosophen | den Weg der Neuromantik einschlagen, so z. B. Lipps[4], der aus einem kritischen Philosophen sich nunmehr in einen romantischen Mystiker verwandelt hat. Das böse Wort von Schopenhauer[5], daß die „Philosophen“ nur verkappte Priester seien, fällt mir oft ein, wenn ich dies Treiben ansehe, an dem sich gerade die Jüngsten zum Teil am eifrigsten beteiligen. Um so mehr verdienen diejenigen Anerkennung, welche dieser für die geistige Entwicklung so gefährlichen Zeitrichtung nicht huldigen. Mir selbst ist | in der Kantischen Philosophie auch gerade diese kritische, antidogmatische Tendenz sympathisch, ohne zu verkennen, daß bei Kant selbst auch dogmatische, und sogar romantische Seitenströmungen vorhanden sind. In einem Werk, das wohl im nächsten Jahr erscheint[6], hoffe ich dies weiteren Kreisen darlegen zu können.

Mit besten Grüßen Ihr aufrichtig ergebener

H. Vaihinger

Kommentar zum Textbefund

aBRENNERBAD – TIROL. ] von Hd. unterstrichen
b[…] ] Text durch Überschreibung mit dem Datum unleserlich
c4.IX.09 ] unter der Hotelansicht von Jodls Hd.: beantwortet 9.9.09 (Schreiben nicht überliefert)

Kommentar der Herausgeber

1Wiener Zeitung ] vgl. z. B. Neue Freie Presse, Nr. 16164 vom 21.8.1909, Morgenblatt, S. 2.
2Ihren 60. Geburtstag ] am 23.8.1909
3Thätigkeit für die Kantgesellschaft ] vgl. die Schreiben Vaihinger an Jodl im März/April 1904.
4Lipps ] welcher der beiden Halbbrüder, Gotthold Lipps oder Theodor Lipps, gemeint ist, bleibt unklar (BEdPh).
5böse Wort von Schopenhauer ] bei Schopenhauer heißt es in: Ueber die Universitäts-Philosophie. In ders.: Parerga und Paralipomena (1851): Demnach nun sollen zwar auch die Professoren der Philosophie allerdings lehren was wahr und richtig ist: aber eben dieses muß im Grunde und im Wesentlichen dasselbe seyn, was die Landesreligion auch lehrt, als welche ja ebenfalls wahr und richtig ist (hier zitiert nach Schopenhauer: Kleine philosophische Schriften Bd. 1. Hg. v. Julius Frauenstädt. Leipzig: Brockhaus 1877, S. 152).
6im nächsten Jahr erscheint ] Vorausweis auf Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911).