Vaihinger an Adolf Dyroff, Halle, 9.11.1905, 3 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15., Universitäts- und Landesbibliothek Bonn, NL Dyroff (S 2836)
9. November 1905.
Verehrtester Herr Kollege!
Zu meinem Schreiben vom 6.[1] d[es] Monats[a] beehre ich mich ganz ergebenst Folgendes nachzutragen:
Wie ich soeben durch ein offizielles Schreiben vom Herrn Dekan der Berliner Philosophischen Fakultät[2] erfahre, hat es dieselbe in ihrer Sitzung vom 2. November überhaupt „abgelehnt, sich mit der Eingabe der Breslauer Fakultät zu beschäftigen.“
Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob es sich empfehlen würde, auch Ihrerseits Ihrer Fakultät den Vorschlag zu machen, dem Beispiel der Berliner Fakultät zu folgen. Ich werde jedenfalls hier den entsprechenden Antrag stellen.[b] |
Meines Erachtens würde die Forderung der Breslauer Fakultät, künftig die schriftliche Hausarbeit aus einem der Gebiete der Allgemeinbildung und damit doch in erster Linie aus dem Gebiet der Philosophie wegfallen zu lassen, die geistige Ausbildung der Oberlehrer auf’s tiefste schädigen. Wenn die Mitglieder der Breslauer Prüfungskommission, wie in dem Breslauer Gutachten gesagt wird, mit solchen schriftlichen Arbeiten schlechte Erfahrungen gemacht haben, so kann dies vielleicht daran liegen, daß das Breslauer Studentenmaterial geringwertiger sein könnte; vielleicht aber auch daran, daß die betreffenden Themata unzweckmäßig gestellt sein könnten.
Auch die weitere Forderung der Breslauer Fakultät, bei der mündlichen Prüfung die Kandidaten zwischen Psychologie und Logik[c] | wählen zu lassen, erscheint unzweckmäßig.
Die Forderung aber endlich, zwischen Geschichte der alten und der neueren Philosophie eine Trennung zu machen und die eine oder andere zur Wahl zu stellen, ist bei dem engen Zusammenhang der letzteren mit der ersteren wissenschaftlich überhaupt undurchführbar.
Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebenster
H. Vaihinger[d]