Vaihinger an Paul Natorp, Halle, 24.8.1903, 4 S., hs., Briefkopf PROF. DR. H. VAIHINGER. | Halle a. S., d. … 190 | Reichardtstr. 15, Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 831/1075
24.8.1903
Verehrter Herr College!
Ich danke Ihnen für Ihre eingehenden Mittheilungen[1], und begreife nach denselben sehr wohl, daß eine Mitarbeit an dem Festheft für Sie jetzt mit besondren Schwierigkeiten verbunden wäre; so daß ich nicht mehr in Sie dringen darf und kann.
Sollten Sie sich aber zur Mitarbeit an der Revue de Metaphysique entschließen, so sehe ich nicht den geringsten Grund | dagegen ein, warum Ihr Artikel nicht zugleich in deutscher Sprache in den K[ant-]St[udien] erscheinen sollte. Beide Zeitschriften sind ja keine Concurrenten und haben ein ganz heterogenes Lesergebiet. Also meinerseits steht dieser Idee nicht das Geringste entgegen; im Gegentheil, sie scheint mir sehr gut und zugleich sehr rationell: warum sollten denn Ihre Gedanken blos den Franzosen mitgetheilt werden.
Meine Arbeit über Nietzsche erschien auch gleichzeitig französisch und deutsch[2] ebenso ja wohl auch Ihr Beitrag zu den Memoires der französischen Ausstellung 1900[3]. |
Von Cohen habe ich mir schon verschiedene Körbe geholt[4]: natürlich würde ich es sehr begrüßen, wenn er den K[ant-]St[udien] einmal einen Artikel senden würde. Vielleicht sprechen Sie einmal gelegentlich mit ihm. Ich setze als selbstverständlich voraus, daß ein Festartikel nicht polemisch wäre, sondern sich auf neutralem Boden bewegen würde; bei einem Festheft dürften die verschiedenen abweichenden Kantauffassungen sich nicht öffentlich zanken.
Darf ich Sie noch bitten, gelegentlich den Herrn A. Gideon an eine „Selbstanzeige“[5] für die K[ant-]St[udien] zu erinnern; ich bin so | frei, Ihnen ein Exemplar der Aufforderung dazu zu senden[a] mit der Bitte sie demselben mitzutheilen d. h. falls Sie zufällig noch seine Adresse haben sollten.
Ich verreise jetzt auf einige Wochen nach Tirol[6] mit unbestimmter Adresse. Nach meiner Rückkehr werde ich mir erlauben bei Ihnen anzufragen, welchen Erfolg Ihr Gespräch mit Cohen gehabt hat? Dann kann ich auch übersehen wie das ganze Heft sich gestalten wird.
Mit collegialem Gruß Ihr ergebenster
H. Vaihinger