Paul Natorp an Vaihinger, Marburg, 8.8.1903, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 9
Marburg 8. August 1903.
Hochgeehrter Herr Kollege!
Ich schäme mich daß ich trotz Ihrer Bitte um rasche Erledigung Ihrer Anfrage[1] erst heute dazu komme. Aber ich war wirklich etwas mit der Zeit bedrängt, u. dazu konnte ich nicht zu einem raschen Entschluß kommen. Ich bin die nächste Zeit fast über die Maßen mit schriftst[ellerischen] Arbeiten bepackt. Die Akademie will die Kr[itik] d[er] pr[aktischen] V[ernunft][a], die ich für die Kantausgabe übernommen[2] hatte, jetzt so bald als möglich[3] haben, die Sozialpädagogik mußte schleunigst in 2. Aufl.[4] zurechtgemacht werden, was nun doch mehr Arbeit gemacht hat, u. immer noch macht; als ich vorausgesehen hatte, u. dabei habe ich Kontakt für Fertigstellung einer Pestalozzi-Darstellung[5] nebst 2 Bänden Auswahl aus dessen Werken[b] für die Greßlersche pädag[ogische] Bibliothek. Können | Sie nicht schnell noch entdecken daß Kant 1805 gestorben ist? Ich habe nun bereits 3 Anfragen wegen Aufsätzen zu seinem Todestag; die erste von Herrn Rissmann[c] (Deutsche Schule)[6] war ich so leichtsinnig bejahend zu beantworten[7], dann kamen Sie und gleich danach Mr Léon[8] für die Rev[ue] de Metaph[ysique] et de Mor[ale], die eine ganze Kant-Nummer[9] machen will. Würde es angängig sein daß derselbe Aufsatz gleichzeitig deutsch in den K[ant-]St[udien] u. franz[ösisch] in der Revue erschiene, so wäre das für mich am ehesten noch möglich.[d] Sonst aber stehe ich sehr gern zurück, da gewiss noch mancher ist der es ebenso gut u. besser macht. Ich meine an erster Stelle wäre Cohen dabei der berufene[10]: u. wenn er in rechter Stimmung schreibt, so macht er dergleichen besser als irgendwer. Ich bin aus dem | eigentlichen Kantstudium etwas herausgekommen, u. so gern ich gerade diesen Anlaß benutzen würde mich wieder einmal recht in den Alten zu vertiefen, so ist es grade jetzt durch die besagten Umstände mir so gut wie unmöglich gemacht. Für diese Ferien bin ich absolut festgelegt, vor Weihnachten komme ich schwerlich dazu auch nur das geringste zu schreiben.[e] So lange aber werden Sie kaum warten wollen, also wäre es mir schon recht, wenn ich es ablehnen dürfte. Nur falls Sie – was wohl nicht anzunehmen – mehr Absagen erhalten haben sollten u. etwa Mangel wäre würde ich versuchen es doch noch, neben allem, zu ermöglichen.
Was Ihre zweite Bitte betrifft, so schreckt nicht gerade der 13te mich ab; aber 12 ist schon ein Ganzes Dutzend, warum das zweite | noch anbrechen! Es wäre anders wenn ich versprechen könnte Ihnen ein besonders eifriger Mitarbeiter zu sein, aber so sehr ich gerade Ihre Zeitschrift schätze u. bei den obwaltenden Umständen eigentlich jeder der andern vorziehe, so muß ich doch für die nächsten Jahre mit Nebenarbeiten sehr zurückhaltend sein da zu viele größere Sachen auf mir liegen. Sie sehen an der Rez[ension] Husserl II[11] die ich noch immer schuldig bin[f][12], wie schwer es mir fällt auch nur für eine Rezension Zeit zu finden. Seien Sie versichert daß es nur dieser Grund ist der mich bestimmt Ihr mich ehrendes Anerbieten auszuschlagen.
Mit kollegialem Gruß Ihr sehr ergebener
P. Natorp