Otto Liebmann an Vaihinger, Jena, 27.7.1903, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 7 b, Nr. 9
Jena, den 27t Juli, 1903.
Villengang, 3.
Sehr geehrter Herr College!
Daß Sie am hundertjährigen Todestage Kants[1] eine Gedenknummer der Kantstudien[2] erscheinen lassen wollen, ist sehr begreiflich und schön und findet selbstverständlich meinen vollsten Beifall. Wenn Sie mich zu einem Beitrag zu diesem Gedenkheft auffordern, so spreche ich Ihnen hiermit gern meine principielle Bereitwilligkeit aus. Zwar kann ich nicht ganz bestimmt zusagen. Anderweitige Arbeiten und Pläne nehmen meine Kräfte gerade jetzt stark in Anspruch. Aber ich werde ernstlich daran denken, daß ich Ihnen während | der Ferien irgendwelchen Beitrag, in Prosa oder eventuell in Versen[3], womöglich zu Stande bringe. – Soviel verspreche ich! Das Weitere hängt von Zeit und Stimmung ab.
Ihrer Frau Gemahlin, der ich die besten Grüße sende, wünsche ich von Herzen Besserung und volle Genesung. Meine Frau[4] leidet an unüberwindlicher Nervenschwäche, doch hat eine Massagekur relativ günstig gewirkt.
Schließlich noch eine Frage, die Sie gewiß begreiflich finden werden! – Vor ein paar Jahren haben Sie mir die Mittheilung gemacht, daß Prof. Adickes (Münster) sich spontan zu einer Berichterstattung über die 3te Auflage meiner „Analysis der | Wirklichkeit[a]“ in den Kantstudien bereit erklärt und das Recensionsexemplar empfangen hat. Wie steht es damit?[5] Hat Adickes Ihnen gegenüber Nichts hören lassen? Ich wäre neugierig, ob er seine Absicht wirklich ausführt, oder ob eventuell ein Andrer die Sache übernimmt.[6] –
Mit den besten Grüßen in collegialer Hochachtung[b] Ihr ergebenster[c]
Otto Liebmann.