Vaihinger an Wilhelm Herrmann, Halle, 13.4.1901, 2 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf Redaction der „Kantstudien“ | (Verlag von Reuther und Reichard, Berlin) | Prof. Dr. Vaihinger. | HAALE a. S., den | Reichardtstr. 15., Universitätsbibliothek Marburg, Ms. 691/501
13. April 1901.
Verehrter Herr College!
Im Anhang zu der Schrift: „Christentum und Darwinismus in ihrer Versöhnung“ von Dr. Hermann Franke[a] (Berlin, Alexander Duncker, 1901) findet sich ein Prospect über ein demnächst in gleichem Verlag erscheinendes Werk von Georg Wobbermin, „Theologie und Metaphysik“[1]. Nach diesem Prospect will der Verfasser (Privatdocent in Berlin) die These verteidigen: Theologie ohne Metaphysik ist unmöglich. „Dabei rechnet sich der Verfasser selbst zu der von Ritschl ausgegangenen Theologenschule“. So weit ich das beurteilen kann, richtet sich diese Schrift demnach vorzugsweise gegen Sie. Ich gehe vielleicht nicht fehl, wenn ich annehme, dass Sie das Bedürfnis haben, Sich hierzu gerade in einer philosophischen Zeitschrift zu äußern, und da liegen ja die „Kantstudien“ am nächsten, zu deren Mitarbeiter ich Sie schon | lange gewinnen möchte. Ich würde allerdings weniger auf eine Recension des Werkes reflectiren, als auf einen eigene Abhandlung[2], welche nur das Buch von Wobbermin zum Ausgangspunkt machen würde. Auf eine solche Abhandlung würde ich aus verschiedenen Gründen einen großen Wert legen: erstens möchte ich in die K[ant-]St[udien] systematische Artikel bringen als notwendige Ergänzung zu den philologisch-historischen, und zweitens liegt mir sehr daran, dass die Vertreter der Ritschl’schen Schule[3] und damit die wissenschaftliche Theologie in den K[ant-]St[udien] zu Worte komme. Ich möchte Sie bitten, diesen meinen Vorschlag zu erwägen[4], und darf vielleicht die Bemerkung hinzufügen, dass die K[ant-]St[udien] Ihnen ein Honorar von 32 M pro Bogen gewähren können.
Vielleicht interessirt es Sie, zu erfahren, dass College Reischle[5] die Besprechung Ihrer Ethik[6] für die K[ant-]St[udien] übernommen hat.
In collegialer Hochachtung Ihr ganz ergebenster
H. Vaihinger