Rudolf Eucken an Vaihinger, Jena, 22.6.1900, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 p, Nr. 10

Hochgeehrter und lieber Herr College!

Wiederum habe ich Ihnen herzlichen Dank auszusprechen, und ich hätte das umgehend gethan, wenn nicht gerade diese Tage mich der Abschluß eines Abschnittes der Religionsphilosophie sehr beschäftigt hätte. Nun aber lassen Sie mich Ihnen aussprechen, wie sehr Sie mich auch durch das Kantbild[1] erfreut haben, das einen eigenthümlich sympathischen Eindruck macht und wunderbar mit der schlichten Einfalt zugleich die geistige Größe[2] empfinden läßt. Wertvoll an sich | ist mir das Bild ganz besonders wertvoll als ein Ausdruck der freundschaftlichen Gesinnung, die ich nur mit aufrichtigem Dank begrüßen und erwiedern[b] kann.

Nun mein Kant und Thomas-Aufsatz[3]! Als ich ihn bis nach Vollendung der Religionsphilosophie[4] aufschob, dachte ich mir den Abschluß dieser näher; nun aber zieht er sich weiter hinaus und ich darf nicht übereilen, da es sich hier um das Hauptwerk meines Lebens handelt.[c] Aber so will ich auch das Schicksal jenes Aufsatzes nicht zu eng mit jenem Buch verknüpfen. | Da es am Ende mehr darauf ankommt, principielle Stellung zu nehmen als in das Detail einzugehen, so würde ich bei energischer Concentration die Sache, die mich innerlich so viel beschäftigt hat, wohl ohne zu großen Zeitaufwand herstellen können. So will ich sehen, Ihnen den Aufsatz noch vor Schluß der Herbstferien (Ende Oktober) zu senden; hoffentlich werden Sie, auch wenn ich ihn rasch herzustellen suche, mit ihm leidlich zufrieden sein.

Nochmals verbindlichen Dank! Auch beste Grüße an Herrn Dr. Medicus, dessen treue Gesinnung uns Jenenser wahrhaft erfreut.

Herzlich grüßend Ihr aufrichtig ergebener

R. Eucken.

Kommentar zum Textbefund

a22/6 ] mit Blaustift unterstrichen, darunter Jahreszahl ergänzt: 1900
berwiedern ] so wörtlich
csich … handelt. ]  mit Blaustift am linken Rd. angestrichen

Kommentar der Herausgeber

1das Kantbild ] gemeintes nicht ermittelt; begleitendes Schreiben Vaihingers nicht überliefert.
2schlichten Einfalt zugleich die geistige Größe ] Anspielung auf ein geflügeltes Wort nach Johann Joachim Winckelmann: Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in Malerei und Bildhauerkunst (1745/1755): edle Einfalt, stille Größe.
3Kant und Thomas-Aufsatz ] vgl. Eucken an Vaihinger vom 5.3.1899
4Vollendung der Religionsphilosophie ] vgl. Eucken: Hauptprobleme der Religionsphilosophie der Gegenwart. Drei Vorlesungen. Berlin: Reuther & Reichard 1907.