Houston Stewart Chamberlain an Vaihinger, Wien, 4.6.1900, 4 S., hs., Briefkopf VI. Blümelgasse 1. | Wien, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 5 a, Nr. 1
4 Juni 1900
Hochgeehrter Herr
Als Ihr so gütiges Schreiben vom 14. Mai[1] eintraf, war ich nicht in der Lage, es sofort zu beantworten; dazwischen liegt eine kleine Erholungsreise. Die Verzögerung wollen Sie gütigst entschuldigen.
Ihre fr[eundlichen] Zeilen haben mir viel Freude gemacht. Gerade in | diesem Augenblick beschäftigt mich lebhaft die Persönlichkeit des grossen Kant; vielleicht erkühne ich mich einmal, die Ergebnisse meiner jetzigen Studien in Druck zu geben – aber natürlich als Laie für Laien. Suum cuique. Um so werthvoller war mir aber Ihr Hinweis auf die „Kantstudien“. Seit Jahren liegt d[er] Prospekt auf meinem Tisch, doch die Beschränktheit meiner Mittel, dazu die Unerlässlichkeit vieler Anschaffungen, verhinderten mich, mir das Gewünschte | zu gönnen. Und in Bibliotheken bin ich unfähig zu arbeiten. Jetzt aber habe ich mir die 4 Bände angeschafft und[a] auf die Fortsetzungen abonnirt.
Freilich, für die 2. Aufl. der Grundlagen[2] kann ich die Erweiterung meiner so sehr beschränkten Kenntnisse nicht verwerthen, da der Druck fast fertig ist. Es ist ja eigentlich nur ein Neudruck des unveränderten Textes, und ich bedauere es fast, dass die 2500 Exemplare unserer ersten Auflage so schnell aufgekauft wurden. Mir liegt viel mehr | daran, in aller Bescheidenheit Gutes zu wirken, als eine übertriebene und immer entstellende Notorietät[b] zu erlangen.
Wenn mein Werk in den Kantstudien besprochen[3] wird, so bitte ich den Herrn Referenten die ersten Worte des Vorwortes[4] nicht zu übersehen. Was ich wollte, ist eng u. scharf umgrenzt; es ist ungerecht, mich an einem anderen Maassstab zu messen.
Der Vortrag „Naturforsch[ung] u. Schule“ hat mich lebhaft interessirt u. angeregt. Auch dafür herzlichen Dank.
Verehrungsvoll u. ergeben
Houston S. Chamberlain