Otto Liebmann an Vaihinger, Jena, 19.5.1900, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 7 b, Nr. 8
Jena, d. 19t Mai, 1900.
Villengang, 3.
Geehrter Herr College!
Für Ihren freundlichen Brief[1] und die Kreuzbandsendung[2] verbindlichen Dank! Ihre Abhandlung[a] habe ich vielfach zustimmend durchgelesen. Mit dem „Schillern, Schwanken, Schweben“[3] hat es vollkommen seine Richtigkeit; das ominöse „Ding an sich“ ist und bleibt unverdaulich und doch unüberwindlich; auch kein Skepticismus, Positivismus, Empirismus, Relativismus etc. etc.[b] hilft darüber hinweg, und solange es Menschen gibt, wird die Metaphysik ihnen mit ihren Krallen im Nacken sitzen bleiben.
Dem jungen Dr. Medicus, dessen Besprechung[c] der „Ged[anken] u. Thats[achen][d]“[4] ja recht wohlwollend lautet, bitte ich Sie meinen besten Gruß und Dank zu sagen. |
Auch ich war zu einem Beitrag für die Sigwart-Festschrift aufgefordert worden,[5] sah mich aber leider durch anderweitige übermäßige Arbeit davon[e] verhindert; ich habe seiner Zeit an Sigwart gratulirend geschrieben[6] und ihm privatissime ein Geschenk zugesendet. Eine der Früchte jener anderweitigen Arbeit ist die dritte verbesserte u. vermehrte Auflage[f] meiner Analysis d[er] W[irklichkeit].[g][7] – Sie erscheint in diesen Tagen. Herr Trübner[8] hat es übernommen, Ihnen ein Exemplar dieses ziemlich dick gewordenen Opus[h][9] zukommen zu lassen. Sollte das Exemplar etwa lange ausbleiben, so bitte ich Sie um kurze Nachricht, damit von mir ein Druk[i] ausgeübt werden kann.
Ihnen wünsche ich guten Fortgang Ihrer Arbeiten. Ebenso dem jungen Medicus. | Hoffentlich erfreuen Sie und die Ihrigen sich vollen Wohlbefindens.
Mit den besten Grüßen von Haus zu Haus Ihr ergebenster[j]
O. Liebmann.