Richard Hönigswald an Vaihinger, Wien, 17.5.1900, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 3 e, Nr. 1
Wien, IX/2, Eisengasse 23, am 17. Mai 1900.
Hochgeehrter Herr Professor!
Empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank für die überaus wohlwollenden und anerkennenden Worte, die Sie in Ihren werthen Zeilen[1] v[om] 14. d[ieses] M[onats] meiner Kritik über Haeckel’s „Weltraethsel“[2] zollten. Die heftigen Angriffe dieses bedeutenden Naturforschers auf Kant und dessen „dualistische“ Schule gaben mir die erwünschte Anregung, eine Abwehr dieser Angriffe von demjenigen wissenschaftlichen Standpuncte aus zu unternehmen, von dem aus Haeckels „Monismus“ – wie ich glaube – bisher noch am allerwenigsten beurtheilt wurde, wiewohl er gerade ihn am allerentschiedensten herausfordert, und der der meinige ist: dem erkenntnisskritischen[a].
Es gereicht mir – wie ich Sie, hochgeehrter Herr Professor, versichert sein zu wollen, bitte – zur grössten Befriedigung, hierbei An|schauungen[b] entwickelt zu haben, die sich Ihrer gütigen Anerkennung rühmen können und ich betrachte es, indem ich Ihrer gütigen Einladung freudig Folge leiste, als eine hohe Ehre, zu einer wissenschaftlichen Zeitschrift, deren Tendenz und Bedeutung ich wohl kenne und deren treffliche Leistungen ich vielfach dankbar verwerthete, als deren Mitarbeiter in nähere Beziehung treten zu dürfen.[3]
Den mir für eine Selbstanzeige gütigst gewährten Raum nehme ich dankbarst in Anspruch und erlaube mir, diese Selbstanzeige beiliegend zu übersenden.[4]
Vielleicht darf ich hoffen, dass eine, wenn auch nicht unmittelbar und ausschliesslich Kant betreffende, so doch vielfach an ihn anknüpfende Arbeit, die mich eben beschäftigt und die ich in etwa drei Wochen beenden zu können glaube, in den „Kantstudien“ wird veröffentlicht werden können; dieselbe sucht unter consequen|ter Beibehaltung desselben principiellen Standpunktes, den ich in meiner Schrift über E. Haeckel eingenommen habe, gewisse Punkte der für die naturwissenschaftliche Methodologie so bedeutsamen Anschauungen Ernst Mach’s einer kritischen Prüfung zu unterziehen.[5] Nach Beendigung der genannten Arbeit möchte ich mir mit Ihrer gütigen Erlaubniss die Freiheit nehmen, Ihnen das Manuscript zur Verfügung zu stellen.
Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Professor, den Ausdruck meiner vorzüglichsten Werthschätzung, mit der ich bin Ihr hochachtungsvoll ergebener
R Hönigswald