24/4 1900
Verehrter Herr College!
Aus Italien zurückkehrend finde ich Ihre freundlichen Zusendungen[1] vor. Ich hab Ihren Aufsatz gleich gelesen, mit der Empfindung, daß es uns nicht schwer werden kann, über Kant als Metaphysiker uns zu verständigen[2]. Natürlich[a] ist diese Metaphysik, die der kritische Kant festhält[b] oder neu gewonnen hat, nicht ‚Wissenschaft‘ in dem Sinne, wie die mathematische Physik; natürlich hat der mundus intell[igibilis][c] nicht ‚Realität‘, wie die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung[d]. Aber andererseits, u. das hielt ich eben für notwendig hervorzuheben gegenüber den[e] agnostizistischen Interpreten: Metaphysik bleibt als Erzeugnis notwendigen Denkens, das notwendig bleibt, auch wenn es nicht in der Anschauung | seinen Gegenstand darstellen kann. Und dieser Gegenstand hat ‚Realität‘, nur natürlich ‚intelligible‘ R[ealität][3]. Ich möchte auf die doppelte Bedeutung des Begriffs ‚Realität‘, wie aller Kategorien, die ich S. 157/8 angedeutet habe,[4] hinweisen: meines Erachtens ist sie der einzige Weg für Kant, aus[f] einer Reihe von Schwierigkeiten sich herauszuwickeln.
Vortrefflich ist Ihr Hinweis auf Platos doppelte Art seine Gedanken vorzustellen:[5] die reine Gedankenwelt als solche ist nicht Anschaulich darstellbar; macht man den Versuch, so kommt der Mythos[g] heraus: Schöpfung, Präexistenz u. Abfall u. Rückkehr pp. Kant hat die Mythen zu dichten nicht nötig, weil sie in der christl[ichen][h] Religion in volkstümlicher Form vorliegen. Ich werde, wenn ich zu 1 neuen Auflage es bringen sollte, auf diesen Punkt hinzuweisen nicht unterlassen.
Wir hatten in Italien zuletzt[i] herrliche Frühlingstage am Comer[j] See, nachdem wir | vorher in Florenz[k] Tag u. Nacht schmählich gefroren hatten.
Mit freundlichen Grüssen Ihr sehr ergebner
Paulsen
1↑Ihre freundlichen Zusendungen ] genauer Inhalt und etwaiges Begleitschreiben Vaihingers nicht ermittelt, enthalten war aus dem Folgenden
u. a. Vaihinger: Kant – ein Metaphysiker? In: Philosophische Abhandlungen. Christoph Sigwart zu seinem siebzigsten Geburtstage 28. März 1900 gewidmet. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1900,
S. 135–158,
vgl. auch Paulsen an Vaihinger vom 22.11.1899
4↑die doppelte Bedeutung … angedeutet habe, ] vgl. Paulsen
a. a. O.,
S. 157–158:
Hier scheint also ein förmlicher Widerspruch vorzuliegen; er ist seit den Tagen der Jakobi, Fichte, Aenesidemus-Schulze Kant immer wieder vorgehalten worden: ohne die Dinge an sich, ohne ihre Wirklichkeit und Wirksamkeit, könne man nicht in das System hinein, mit ihnen könne man nicht darin bleiben. Eine Lösung dieses Widerspruchs ist, so viel ich sehe, nur auf einem Wege möglich: daß man eine [gesperrt:
] doppelte Bedeutung der Kategorien [Sperrung Ende
] unterscheidet, eine rein [gesperrt:
] logisch-transccendente [Sperrung Ende
] und eine [gesperrt:
] transscendental-physische [Sperrung Ende
]. […] die Kategorie der Realität […] bedeutet […] nichts als Gegebensein in der Wahrnehmung, äusserer oder innerer, wenigstens in möglicher Wahrnehmung. Realität in diesem Sinne, empirische Realität, kommt selbstverständlich den Dingen an sich nicht | zu, sondern eine übersinnliche oder transscendente Wirklichkeit u. s. w. Paulsen bezieht sich, wie die Seitenangabe zeigt, nicht auf die von Vaihinger rezensierte (
s. u.) 1.
Aufl. (Stuttgart: Frommann 1898; dort formuliert Paulsen den Gedanken noch etwas anders,
vgl. S. 153–154). In der 4.
Aufl. (Stuttgart: Frommann 1904) geht Paulsen erneut auf diese Kontroverse mit Vaihinger ein,
vgl. dort
S. 262,
Anm. 5↑Vortrefflich … vorzustellen: ] vgl. Vaihinger: Rezension: Immanuel Kant, Sein Leben und seine Lehre. Von Friedrich Paulsen. Mit Bildnis und einem Briefe Kants aus den Jahren 1792, Stuttgart, Fr. Frommann’s Verlag, 1898 – pp. XII, 396. In: The Philosophical Review 8 (1899),
Nr. 3 von Mai,
S. 300–305, hier
S. 303–304, sowie Vaihinger: Kant – ein Metaphysiker? In: Philosophische Abhandlungen. Christoph Sigwart zu seinem siebzigsten Geburtstage 28. März 1900 gewidmet. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1900,
S. 135–158, insbesondere
S. 150–158.