Heinrich Rickert an Vaihinger, Freiburg (Breisgau), 30.7.1899, 2 S., hs., Briefkopf Prof. Heinrich Rickert. | Universität Freiburg im Br. | den … ten … 189 …, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 4

Sehr geehrter Herr Kollege!

Besten Dank für Ihre freundlichen Zeilen[1]. Meine Stellung zu einer Sonderausgabe[2] meines Fichte-Artikels hat sich insofern etwas geändert, als ich gestern von Neuem die Aufforderung erhalten habe, den Fichte für die „Frommannschen[a] Klassiker“[3] zu übernehmen. Die Verhandlungen darüber waren vor einem Jahre daran gescheitert, daß der Verleger mich an einen bestimmten Termin binden wollte. Eine Entscheidung habe ich bis jetzt noch nicht getroffen, und ich darf wohl auch mit meiner Entscheidung über die Sonder-Ausgabe[b] warten bis zur Ablieferung des Manuscripts.

In Betreff des Titels weiß ich Ihre freundlichen Vorschläge wohl zu würdigen, nur ist mir die von Ihnen in Anregung gebrachte Fassung etwas zu lang. Wie denken Sie über: „Fichtes Atheismusstreit und die Kantische Philosophie. Eine Säcularbetrachtung“[c]? | Das ist auch noch lang, aber es sind nur 8 Worte, während ihr Vorschlag 17 enthält. Unter „Kantischer Philosophie“ wäre dann allerdings der Kriticismus und nicht jene sehr „unkritische“ spiritualistische Metaphysik zu verstehen zu deren Vertreter neuerdings Kant gemacht wird.

Außerordentlich liebenswürdig ist Ihr Anerbieten, mir Ihre Sammlung von Fichte-Schriften[4] zur Ansicht zu schicken. Ich erlaube mir, Ihnen ein Verzeichniß[5] meiner 28 Nummern umfassenden Sammlung von „Atheismus“-Broschüren beizulegen[d]. Für Zusendung der darin nicht enthaltenen Schriften, die Sie vielleicht besitzen, würde ich Ihnen sehr dankbar sein, und ich würde mich freuen, Ihnen eventuell diejenigen von meinen Schriften zur Ansicht schicken zu können, die Ihnen unbekannt sein sollten.

Meine Adresse wird wohl sicher für die ganzen Ferien Freiburg sein. Mein Haus liegt so, daß ich keine Sehnsucht nach einer „Sommerfrische“ im Hôtel habe, und ich muß noch verschiedene Dinge schreiben bis zum Herbst, u. a. einen Beitrag für die Sigwart-Festschrift[6] unter deren Mitarbeitern Sie sich, wie mir Dr. Maier mittheilte[7], ja auch befinden.

Mit kollegialem Gruß Ihr sehr ergebener

Heinrich Rickert.

Kommentar zum Textbefund

aFrommannschen ] Frommanschen
bEntscheidung über die Sonder-Ausgabe ] am linken Rand mit Blaustiftkringel markiert
c„Fichtes … Säcularbetrachtung“ ]  mit Blaustift unterstrichen und am linken Rand mit Blaustiftkringel markiert
dbeizulegen ] davor gestrichen: bel

Kommentar der Herausgeber

1Ihre freundlichen Zeilen ] nicht überliefert
2Stellung zu einer Sonderausgabe ] vgl. Rickert an Vaihinger vom 22.7.1899
3den Fichte für die „Frommannschen Klassiker“ ] Rickert verfaßte keine Fichte-Monographie, vgl. Rickert an Vaihinger vom 4.8.1898.
4Ihre Sammlung von Fichte-Schriften ] vgl. Vaihinger an Fritz Mauthner vom 6.9.1920
5Verzeichniß ] nicht überliefert, liegt nicht bei
6Beitrag für die Sigwart-Festschrift ] vgl. Rickert: Psychophysische Causalität und psychophysischer Parallelismus. In: Philosophische Abhandlungen. Christoph Sigwart zu seinem siebzigsten Geburtstage 28. März 1900 gewidmet. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1900, S. 59–87, sowie Vaihinger: Kant – ein Metaphysiker? In dass., S. 135–158.
7Mitarbeitern … Maier mittheilte ]  vgl. Heinrich Maier an Vaihinger vom 2.1. und vom 31.3.1899