Friedrich Jodl an Vaihinger, Wien, 30.12.1897, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 4 c, Nr. 3

Hochgeehrter Herr College!

Gestatten Sie mir Ihnen mit einer kleinen Anfrage lästig zu werden die ich aber nur dann zu beantworten bitte[1], wenn Ihnen keine Mühe daraus erwächst. Vor einiger Zeit legte mir einer meiner Hörer einen kleinen Band vor: Fragmente aus Kants[b] Leben. Ein biograph[ischer] Versuch. Königsberg 1802. 136 S. Kl[ein] Oktav. Er dachte damit einen besonderen Fund gemacht zu haben, obwohl ich ihn auf Borowski u. [Reinhold Bernhard] Jachmann[2] als unsere wichtigsten Originalquellen aus älterer Zeit verwies. Mir scheint das Ganze eine werthlose, mit ziemlich ungeschickten Betrachtungen durchsetzte | Compilation eines philos[ophischen] Dilletanten voll redlicher Begeisterung für Kant als Mensch u. Denker.

Zu meiner eigenen Beruhigung möchte ich aber doch Ihnen als dem besten Kant-Kenner die Frage vorlegen, ob Sie irgendwie einmal auf diese Arbeit gestoßen sind, u. ob Sie ihr irgend einen Werth zuschreiben. Wenn Sie sie nicht kennen, so ist sie schon gerichtet.

Indem ich meine besten Grüße u. freundliche Wünsche zum neuen Jahre beifüge, bleibe ich Ihr ergebener

Fr Jodl.

Kommentar zum Textbefund

aDecember ] Decbr.
bKants ] Namen im vorliegenden Schreiben in lat. Schrift

Kommentar der Herausgeber

1beantworten bitte ] vgl. Vaihinger an Jodl vom 3.1.1898
2Borowski u. [Reinhold Bernhard] Jachmann ] das sind die Kant-Biographen Ludwig Ernst von Borowski (1740–1831) u. Reinhold Bernhard Jachmann (1767–1843).