Georges Dwelshauvers an Vaihinger, Brüssel, 20.6.1897, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 6 q, Nr. 1
Brüssel
65. rue de l’abbaye
den 20. Juni 1897.
Sehr geehrter Herr Professor!
Ich erlaube mir, Ihnen hier eine Nachricht mitzuteilen, die Sie gewiß interessiren wird: als Nachfolger des Herrn Prof. Tiberghien[1][a], Schüler von Ahrens und Anhänger Krause’s[2] bin ich nebst Herrn Berthelot[b] aus Paris (Sohn des berühmten Chemikers[3]) zum Professor an der hiesigen Universität ernannt worden. Herr Berthelot kann als Neo-Kantianer angesehen werden[c]; andererseits haben auch meine Vorlesungen über Kant dazu beigetragen, meine Ernennung zu bewirken. Wenn Sie diese Nachricht in Ihren Kantstudien[4] | inseriren, können Sie vielleicht hinzufügen, daß ich in Brüssel, Leipzig und Heidelberg studirt habe, und also Wundt’s und Kuno Fischer’s Schüler bin. Bei dem ersten habe ich Psychologie studirt, und in diesem Fache ein Buch über la Psychologie de l’apperception[d][5] verfasst; in Heidelberg habe ich die Vorlesungen K. Fischer’s gehört.
Gleichzeitig mit diesem Briefe schicke ich Ihnen die zweite Folge meiner Kantvorlesungen[6] zu (6 Vorles[ungen] von Nov[ember] – Dezember 96). Ich hätte Ihnen so gern mein Buch über les Principes de l’idéalisme[e] scientifique aus dem Jahre 1892 zugeschickt –; leider habe ich kein Exemplar mehr zur Verfügung; übrigens muß in diesem Buch der | größte Teil umgearbeitet werden! –
Die Kantstudien erhalte ich regelmäßig, dieselben finde ich sehr interessant; ihrem Zweck sind sie in jeder Hinsicht entsprechend, und konzentriren die sonst zu sehr aus einander gehaltenen Untersuchungen im Gebiete der Kant’schen Philosophie.
Mit Hochachtung verbleibe ich, sehr geehrter Herr Professor, Ihr ergebener
Georges Dwelshauvers
Meine Kantvorlesungen werden auch in der Revue des Cours et Conférences[7] in Paris erscheinen.