Christoph Sigwart an Vaihinger, Tübingen, 7.1.1897, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 b
Tübingen, 7. Jan[uar] 1897
Verehrter Herr College
Ich habe zwar von der Probevorlesung des Dr. Heinrich Maier[1] nicht mehr eine so genaue Erinnerung, daß ich noch anzugeben wüßte, was mir da u. dort anfechtbar erschien, im Ganzen aber hat die übersichtliche, die Hauptpunkte geschickt heraushebende Art, wie er sein Thema behandelt, auf seine Zuhörer, sowohl die mehr als die minder Sachverständigen, einen sehr guten Eindruck gemacht, der auch in der officiellen Beurtheilung durch eine fast unbedingte Anerkennung seiner Leistung zum Ausdruck kam. Das Manuscript wird noch besser sein, als was er mündlich vortrug, denn er war, um die Zeit einzuhalten, genöthigt ex tempore[a] abzukürzen u. zusammenzuziehen. | Wenn er durch Sie mit einem Thema aus der neueren Philosophie bekannt wird, würde ich mich sehr freuen; seine aristotelische Arbeit[2] hat mich sehr befriedigt; wenn auch einzelnes der Natur der Sache nach zweifelhaft bleiben muß, hat er doch den schwierigen Gegenstand mit einer höchst lobenswerthen Gründlichkeit u. Sorgfalt durchgearbeitet u. nicht geringen Scharfsinn bewiesen.
Daß Ihnen Ihre Redactionsthätigkeit nicht bloß Angenehmes u. Erfreuliches bringt, kann ich mir lebhaft vorstellen; es gilt auch hier das πολλοι μεν ναϱθηκοφοϱοι[b][3] – zu dem nöthigen Maß von Rücksichtslosigkeit entschließt man sich schwer. Ich kann Ihnen leider nicht so bald etwas in Aussicht stellen; vielleicht gibt sich später Gelegenheit.
Für Ihre freundlichen Wünsche bestens dankend u. sie erwidernd Ihr
C Sigwart.