Otto Liebmann an Vaihinger, Jena, 19.5.1896, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 7 b, Nr. 2
Jena, den 19.V.96.
Villengang, 3.
Sehr geehrter Herr College!
Für Ihren freundlichen Brief[1] empfangen Sie meinen besten Dank! Ich hätte ihn schon früher beantwortet, wenn nicht außer den mancherlei amtlichen Pflichten noch andere Arbeiten die Zeit so stark in Anspruch nähmen. Ihre „Kantstudien“ haben ja recht reichhaltig und vielversprechend begonnen; auch wünsche ich denselben den günstigsten Fortgang, kann aber noch nicht voraussehen, | ob ich jemals in der Lage sein werde, einen Beitrag zu liefern[2]. Es concurrirt ja gar Vielerlei[a]; die Anzahl der philosophischen Zeitschriften ist groß; und meine Arbeiten bewegen sich auf einem anderen Gebiete. –
Sollte ich od[er] sollten meine Kinder einmal nach Halle[b] kommen, so werden wir nicht verfehlen[c] Ihr Haus aufzusuchen.[3] Unsre Verhältniße sind aber so eigenthümlich, daß wir nur sehr selten zum Verreisen kommen und außer der großen, nach Süden gehenden, Herbstreise fast garkeine Tour unternehmen. | Meine Frau[4] ist durch ihr Befinden an’s Haus gefesselt, und kann sich nur sehr wenig bewegen. Meine Tochter[5] ist unentbehrliche Stütze ihrer Mutter. Mein Sohn[6] steckt im Lehramtsexamen. Ich freue mich auf die Pfingst-ferien, weil ich da – vielleicht! – einmal ungestört arbeiten kann[d]. –
Nun empfangen Sie und Ihre Frau Gemahlin unsre besten Grüße, und sagen Sie auch der Tante Hildebrandt[e][7] die herzlichsten Empfehlungen[f] von uns! Ihr ergebner
O. Liebmann.