Christoph Sigwart an Vaihinger, Tübingen, 23.6.1894, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 6 b
Tübingen, 23. Juni 1894
Verehrter Herr College
Eben wollte ich Ihnen für Ihre freundliche Einladung[1] danken, und dabei so unbescheiden sein, anzufragen, ob Sie Ihre Gastfreundschaft auch soweit erstrecken würden, daß Sie meine Tochter[2] in irgend einer Ecke noch unterbrächten, da erhalte ich Ihren zweiten Brief[3], der in liebenswürdigster Weise diese Frage zum Voraus beantwortet. Meine Frau[4], die leider nicht mitkommen kann, da ein chronisches Leiden ihr das Reisen verbietet, würde mich allerdings nur mit schwerem Herzen allein ziehen lassen, da sie bisher immer mit dabei war und glaubt, daß es mir ohne alle weibliche Aufsicht nicht gelingen könne, und so dankt sie Ihnen und Ihrer lieben Frau ganz besonders dafür, daß Sie ihre Sorgen errathen und dafür Vorkehrung getroffen haben.
Nun kann ich Ihnen freilich eine feste Zusage, daß ich | von Ihrer Freundlichkeit Gebrauch machen werde, nicht geben. So lebhaft ich wünsche, gerade Halle nach 40 Jahren wieder zu sehen[5], und alle die Erinnerungen aufzufrischen, die ein 2 ½-jähriger[a] Aufenthalt in nächster Nähe, und der Verkehr mit einer freilich jetzt verschwundenen Generation hinterlaßen hat – nur Dr. Böhner[6] und[b] Ihr Oberbibliothekar[7] sind soviel ich weiß noch am Leben – und so gerne ich gerade mit Ihnen ein paar Tage zusammenwäre, so genügt doch ein kleines Schwanken in meinen Kräften, um mir von einer Theilnahme abzurathen, u. dafür kann ich nicht stehen – auch nicht, wie es gerade meiner Frau geht. Bleibt es, wie es jetzt ist, so kann ich’s riskieren, und es wäre mir sehr leid, wenn ich verzichten müßte; aber ehrlicherweise muß ich zum Voraus bitten, mir nicht böse zu sein, wenn ich etwa später – natürlich nicht erst im letzten Augenblick – Ihnen schreiben müßte, daß ich mir eine Theilnahme nicht zumuthen darf.
Wenn Sie eine bedingte Zusage annehmen, und dadurch nicht eines sicheren Gastes verlustig gehen, so bin ich allerdings | für Ihre Einladung sehr dankbar; meine Begleiterin wäre die älteste meiner noch ledigen Töchter – ich weiß nicht, ob Sie bei Ihrem letzten Besuch hier sie gesehen haben. Aber da Sie mir schon zwei Zimmer bestimmt haben so bitte ich – wenn es erlaubt ist, in die Dispositionen der Hausfrau drein zu reden – doch wo möglich es dabei bewenden zu lassen, und unsere Occupation nicht noch weiter auszudehnen; wir haben darin sicher Platz genug, es wäre sicher für Ihre liebe Frau eine Vereinfachung ihrer gastlichen Fürsorge.
Zu den Aussichten[8] von denen Sie schreiben, meinen herzlichsten Glückwunsch; es wäre mir eine besondere Freude, wenn ich den längst verdienten Erfolg nun auch mit feiern könnte.
Mit der Bitte, Ihre verehrte Frau unseres herzlichsten Dankes zu versichern, und in der Hoffnung eines frohen u. genußreichen Zusammenseins Ihr ergebener
C Sigwart.