Vaihinger an Moriz Carrière, Halle, 17.7.1893, 3 S., hs., Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Familienarchiv Carrière-Liebig, O 12, Nr. 132
Halle a/S
17.VII.93.
Verehrter Herr Professor[a]!
So eben lese ich in der hiesigen Zeitung[1] das Entsetzliche, daß Sie Ihren Sohn, Ihr einziges Kind[2] verloren haben. Wahrlich – ein unerhörter Schlag, nach all den Mühen und Freuden, die die Erziehung des Mutter|losen Ihnen gemacht hat – und nun ein so viel versprechendes Leben im besten Mannesalter zerstört! Wahrlich eine furchtbare Prüfung für Alle Betheiligten, insbesondre aber für Sie, den Vater! Möge der Optimismus, welcher der Grundzug Ihrer Weltanschauung ist, nicht der dem Übel sich verschließende, sondern der das Übel überwindende Optimismus auch diesmal an Ihrem überverwundeten[b] | Herzen seine heilende Kraft bewähren! Mögen Sie, der Jugendfrische, in der Arbeit neue Quellen des Trostes finden! Mögen die heranwachsenden Enkelkinder Ihnen Freude und Glück bereiten, nach dem Sie um Vaterglück so jammervoll gebracht sind.
In herzlichster Theilnahme Ihr ergebenster
H. Vaihinger.