Vaihinger an Friedrich Theodor Althoff, Halle, 30.12.1892, 3 S., hs., Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, Vl. HA, Nl Althoff, F. T., Nr. 991
Hochzuverehrender[a] Herr Geheimer Ober-Regierungsrath![b]
Am 8. d[es] M[onats] hat die hiesige philosophische Facultät die Frage der Erdmann’schen Professur erörtert; so viel mir bekannt geworden ist, hat die Facultät sich dahin geäußert[1], die Erdmann’sche Stelle solle zwar der Philosophie erhalten bleiben, es liege aber jetzt kein Bedürfniß vor, dieselbe wiederzubesetzen, da das Bedürfniß durch die beiden vorhandenen Extraordinarien genügend gedeckt sei.
Mögen Ew. Hochwohlgeboren dem ehrerbietigst Unterzeichneten gestatten, diesen Facultätsbeschluß mit einigen bescheidenen Bemerkungen zu begleiten.
Aus dem 1. Theil des Beschlusses[c] mögen Ew. Hochwohlgeboren ersehen, daß die Mittheilung, die ich Ew. Hochwohlgeboren in meinem Briefe[2] vom 23. Oct[ober] zu machen mir erlaubte, richtig war: die Facultät ist keineswegs der Ansicht, die Stelle solle der Philosophie verloren gehen; sie hat sich im Gegentheil für die Erhaltung derselben ausgesprochen.
So natürlich und erfreulich dieser 1. Theil des Beschlusses ist, so eigenthümlich ist der 2. Theil desselben, der denn auch in und außer Halle die größte Verwunderung erregt hat bei allen denjenigen, welche die hiesigen Verhältnisse kennen und unbefangen beurtheilen. |
Ich bitte Ew. Hochwohlgeboren um die wohlwollende Erlaubniß, im Folgenden die Gründe aufzuzählen, welche für die alsbaldige Wiederbesetzung der Stelle sprechen.
1.) Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, dass von den beiden übrigens von mir persönlich hochverehrten Ordinarien der Philosophie, Haym und Benno Erdmann[d], Herr Prof. Dr Haym gar nicht ausschließlich Philosoph ist. Sein Lehrauftrag lautet zugleich auf Litteraturgeschichte, der er den größeren Theil seiner Zeit und Kraft widmet.
2.) Das Vorhandensein eines oder mehrerer Extraordinarien ist kein Gegengrund gegen die Wiederbesetzung eines Ordinariates. Wie aus der Ew. Hochwohlgeboren mitgetheilten Tabelle[3] hervorgeht, hatte die Facultät stets 3 Ordinarien der Philosophie, auch wenn zugleich mehrere Extraordinarien da waren. Aus derselben Tabelle geht auch hervor, daß stets, wenn ein Ordinariat frei wurde, ein Extraordinarius aufrückte. Wenn ein Extraordinarius die Function eines Ordinarius erfüllt, so ist dies Aufrücken auch das Naturgemäße. So war dies der Fall bei Burdach und ist jetzt der Fall bei Wagner. Diese beiden aber sind weit jünger als ich. Auch ist gegen mich weder wissenschaftlich, noch religiös, noch politisch, noch social, noch persönlich etwas einzuwenden.
3.) Der Beschluß der Facultät war keineswegs einstimmig; eine nicht unbeträchtliche Minorität, darunter Blass, Märcker, Suchier, Cantor sind für die sofortige Wiederbesetzung, ebenso v. Fritsch.
4.) Für die Erhaltung und Wiederbesetzung der Stelle interessieren sich auch die gewichtigsten Mitglieder der theologischen Facultät: so besonders | Köstlin, Beyschlag, Kähler, Haupt, Hering (d[er] Z[eit] Rector). Ich bitte nötigenfalls ein Privatvotum des Seniors der Facultät, Herrn Oberconsistorialrat D. Köstlin über die ganze Frage einzufordern.[e]
5.) Auch Uphues und Husserl hier haben das größte Interesse an der Wiederbesetzung der Erdmann’schen Stelle, da dadurch deren Wünsche auf Gehalt resp. Beförderung doch viel eher erfüllt werden könnten. Es wäre das um so wünschenswerther, als sich nächstens ein neuer Philosoph, Dr Schwarz[4], Schüler Hayms, habilitiren will.
6.) Die ganze jüngere philosophische Generation an allen preußischen Universitäten wird durch Nichtwiederbesetzung eines Ordinariates schwer geschädigt. Wenn der Nachwuchs zunimmt und die Stellen abnehmen, was soll dann aus den jüngeren Kräften werden?
Möchten Ew. Hochwohlgeboren all diesen Gründen ein günstiges Gehör verleihen, und für die Wiederbesetzung des Erdmann’schen Ordinariates stimmen, an der das Wohl und Wehe so Vieler hängt.
Um seine Excellenz den Herrn Minister für die Sache zu interessieren, habe ich, bei der Ungewöhnlichkeit der ganzen Situation, den ungewöhnlichen Schritt gewagt demselben die beiden bisher erschienenen Bände meines Kantcommentars zu überreichen.[f]
Indem ich mich der wohlwollenden Fürsorge von Ew. Hochwohlgeboren gehorsamst empfehlen und zugleich zum Jahreswechsel die ergebensten Glückwünsche darbringe, zeichne ich in tiefster Ehrerbietung Ew. Hochwohlgeboren verehrungsvoll ergebenster
Dr. H. Vaihinger, a. o. Professor.[g]
Halle a/S. den 30. Dez[ember] 1892.