Theobald Ziegler an Vaihinger, Straßburg, 13.11.1892, 2 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 10 e

Sehr geehrter Herr Kollege!

Sie haben die große Freundlichkeit u. Güte gehabt, mir den eben erschienenen zweiten Band Ihres Kant-Kommentars[1] zuschicken zu lassen. Wenn ich erst heute dafür danke, so legen Sie mir das nicht als ein Zeichen von Undankbarkeit aus. Aber ich wollte erst einige Abschnitte lesen u. dann schreiben. Statt dessen kam aber ein Unwohlsein, das Lesen u. Schreiben hemmte, u. so muß ich heute – denn länger darf ich es nun doch nicht mehr anstehen lassen – lediglich auf den besten Dank mich beschränken. Soviel freilich habe ich gesehen, daß wiederum eine immense Belesenheit u. Gelehrsamkeit, eine gewaltige Arbeitsleistung u. viel Geschick im Anordnen u. Disponieren in dem Werke steckt; den sachlichen Gewinn reicher Belehrung werde ich mir später daraus erarbeiten.

Neben dem Dank aber darf ich auch ein Wort aufrichtigen Glückwunsches hinzufügen, daß Sie so rüstig am Werke sind u. dasselbe so entschlossen der Vollendung entgegenführen. Wie heute auf den zweiten Band, so werden Sie dereinst mit Stolz auf die Vollendung des Ganzen[2] blicken können, u. dazu | wünsche ich Ihnen alles, was dazu nötig ist. Sie leisten damit der philosophischen Wissenschaft einen großen Dienst.

Damit u. mit freundlich kollegialischem Gruße lassen Sie mich schließen als Ihnen ergebenster

Theobald Ziegler.

Kommentar der Herausgeber

1zweiten Band Ihres Kant-Kommentars ] vgl. Vaihinger: Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft. Zum hundertjährigen Jubiläum derselben. Bd. 2. Stuttgart, Berlin, Leipzig: Union/Deutsche Verlagsgesellschaft 1892.
2Vollendung des Ganzen ] es ist kein weiterer Bd. des (einst auf 4–5 Bände angelegten, vgl. den Kommentar zu Vaihinger Wilhelm Ludwig Holland vom 15.10.1882) Commentars erschienen.