Paul Natorp an Vaihinger, Marburg, 28.10.1892[1], 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 1 b, Nr. 1
Marburg 28. Oct[ober] 1892
Hochgeehrter Herr College!
Soeben erhalte ich von Stuttgart Ihren zweiten Band[2], und beeile mich Ihnen für das werthvolle Geschenk meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Was die Rezension betrifft, so würde ich ohnehin an König[3] zuerst gedacht haben; Staudinger ist zur Zeit durch andere Dinge[4] zu sehr in Anspruch genommen.
Eine einigermassen entsprechende Gegengabe werde ich Ihnen für die nächste Zeit nicht bieten können, zumal nicht eine solche die Ihren Interessen besonders naheläge. Auf historischem Gebiet werden mich wohl noch auf lange hin die Alten vorzugsweise wo nicht ausschliesslich beschäftigen; u. meine systematischen Untersuchungen schreiten nur[a] langsam fort[5]. Diese haben ja allerdings mit Kant genaue Berührung, zielen aber mehr auf freiste Um- oder Weiterbildung u. abstrahiren mehr | und mehr von der Frage ob Kant so oder so auszulegen sei. Mich interessirt weder bei Kant noch bei einem andern philos[ophischen] Autor so sehr die individuelle Art wie die einzelnen philos[ophischen] Gedankenlinien sich in seinem Kopf begegnen u. verflechten, natürlich auch einander in die Haare fahren, als diese Gedankenlinien selbst, woher sie (logisch) kommen u. wohin sie (logisch) führen. Ich entnehme sie darum doch der Geschichte, arbeite sie analytisch aus ihr heraus, muss daher denn natürlich auch die individuelle Verflechtung in der sie begegnen, beachten u. soweit möglich zu entwirren suchen; aber das ist nicht mein Interesse an der Geschichte. Dass nun dies individualpsychologische Interesse an der Geschichte auch ein Recht hat, leugne ich gar nicht, wünschte vielmehr nur dass man auch der andern Methode zugestände, dass sie sowohl berechtigt als, namentlich in Rücksicht auf den Fortbau auf den historischen Grundlagen, unerlässlich, ja dafür directer von Bedeutung ist als jene[b] Methode, die ich die individualpsychologische nannte. So mag die eine von der andern ihren Nutzen und ihr Recht haben, ohne dass sie miteinander in | Streit zu gerathen brauchen. Im Grunde arbeitet keiner wie der andre, u. sollte ein jeder redlich seinen Weg verfolgen; nicht ohne Rücksicht auf den Andern, aber ohne ihn zu beirren oder sich durch ihn beirren zu lassen; das Ganze der Wissenschaft würde nur dabei gewinnen.
Dass ich alte Geschichten[6] nachtrage, nehmen Sie mit Recht nicht an; u. so möchte ich auch kein Wort weiter darüber verlieren.
In collegialer Hochachtung
P. Natorp