Vaihinger an Ernst Dümmler, Oberhof, 11.10.1892, 8 S., hs., Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, NL Dümmler
Oberhof in Thüringen
11. October 1892
Hochzuverehrender Herr Geh. Regirungsrath!
Ihre freundlichen Zeilen vom 23. September[1] sind mir von Halle aus nach Stuttgart nachgesendet worden, woselbst ich meine Mutter besuchte; von da aus kam ich über Straßburg hieher, woselbst ich für die Strapazen des kommenden Winters noch einige Kräfte sammeln möchte. Der kommende Winter wird mir nicht nur vielerlei Anstrengungen, sondern auch wol mancherlei Aufregung bringen: denn ich glaube, daß die Frage der Wiederbesetzung der Erdmann’schen Professur[2] nicht wird totgeschwiegen werden können. Die theilnehmende Art und Weise, in der Sie, hochzuverehrender Herr Geh. Reg. Rath in Ihrem | freundlichen Briefe an mich diese Angelegenheit berührt haben, ermuthigt mich, Sie in derselben um Ihren bewährten Rath zu bitten, der mir nie nothwendiger und erwünschter war, als gerade jetzt.
Zunächst das Historische. Nachdem Herr Prof. Eduard[a] Erdmann gestorben war[3], glaubte zunächst Jedermann, daß die Stelle wiederbesetzt werden würde. Auch der junge Prof. Benno Erdmann[4] nahm zunächst diese Stellung ein, und sprach sich auch gelegentlich gegen Prof. Walter aus Königsberg[5] aus, welcher bei seiner Anwesenheit gelegentlich des Begräbnisses des alten Erdmanns Andeutungen hatte fallen lassen, daß er gerne der Nachfolger seines Oheims[6] werden möchte. Aber noch war Prof. Benno Erdmann für die Wiederbesetzung der Stelle. Nun aber setzte – was ich natürlich alles erst später erfahren habe – Haym[7] seine Thätigkeit | ein; er gieng persönlich bei mehreren Collegen herum und brachte folgende Version auf: die Stelle des alten Erdmann sei schon als besetzt zu betrachten, denn meine Berufung als Extraordinarius habe den Sinn gehabt und sei damals zu dem Zwecke erfolgt, die absterbende Erdmann’sche Professur zu ersetzen. Für diese höchst merkwürdige Version gewann Haym nun auch den jüngeren Erdmann, was natürlich um so leichter war, als ja das Interesse diese Auffassung unterstützte. Haym und der jüngere Erdmann, die sich sonst feindlich gegenüberstanden, haben sich in diesem Punkte freundschaftlich geeinigt; auch haben sie sich dahin verabredet, in der Facultät die ganze Angelegenheit todtzuschweigen. In der Facultät ist denn auch bisher die ganze Angelegenheit gar nicht zur Sprache gekommen. | Um dieselbe Zeit war Schrader[8] in Berlin, und brachte von da die Nachricht, daß die Regirung entschlossen sei, zunächst auch nichts zu thun. Da Schrader und Haym eng befreundet sind, ist der Zusammenhang der Sache durchsichtig.
Etwa 4–6 Wochen nach dem Tod des alten Erdmann war dies alles fertig; um jene Zeit sprach ich einmal mit dem jüngeren Erdmann, mit dem ich von alter Zeit her eigentlich befreundet[9] bin und der mich einst in Kiel als Ordinarius I vorgeschlagen hatte, offen und ausführlich über die Sachlage; auf diese Weise erfuhr und errieth ich den Zusammenhang. Ich sprach dann auch mit Haym darüber, und danach hatten sich also beide geeinigt, die Sache bis auf weiteres ruhen zu lassen; aber wenn Haym in einigen Jahren älter würde, so würde man an einen Ersatz denken und da sollte ich, wie mir beide versicherten, unbedingt mit auf die Liste der vorzuschlagenden Ordinarien kommen. |
Diese[b] Versprechungen für später haben für mich indessen wenig Werth; wenn ich so lange noch Extraordinarius bleiben soll, so gehen mir andere Berufungschancen verloren, z. B. nach Tübingen[10], wohin ich nur kommen kann, wenn ich eben schon Ordinarius bin. Außerdem würde dann in einigen Jahren Haym doch in erster Linie für Windelband[11] stimmen und ich säße wieder da.
Ich habe nun mit mehreren Ordinarien in Halle gesprochen, welche weder der Partei Haym (Volhard, Droysen, Burdach) noch der Partei Erdmann (Meyer, Pischel, Dorn) angehören, so mit Dittenberger, Suchier, v[on] Fritsch, Kühn[12]: diese haben sich alle in den stärksten Ausdrücken gegen das Verfahren Haym-Erdmann ausgesprochen und für die Wiederbesetzung der Erdmann’schen Stelle, aber keiner wollte vorgehen.
Nun habe ich in den Ferien eine Zusammenstellung gemacht, die ich Ihnen beizulegen[13] mir gestatte, aus der unweigerlich | hervorgeht, daß die Haym’sche Auffassung ganz unmöglich ist; denn es gab seit 70 Jahren hier stets mindestens 3 Ordinarien der Philosophie und die Facultät kann im Jahr 1884 unmöglich meine Ernennung zum Extraordinarius so aufgefaßt haben, als sollte ich Erdmann ersetzen: gab es doch früher einmal, wie aus der Tabelle hervorgeht, sogar einmal 3 Extraordinarien neben 3 Ordinarien.
Diese Tabelle habe ich in den Ferien Suchier und Hartwig[14] gezeigt, und beide waren darin einstimmig, daß angesichts dieser Tabelle die Frage der Wiederbesetzung der Erdmann’schen Stelle unmöglich länger todtgeschwiegen werden kann, ja Suchier hat mir versprochen, die Sache in der Facultät zur Sprache zu bringen.
Ich glaube aber auch noch den jüngeren Erdmann selbst für die Sache zu gewinnen: ich habe ihm die Tabelle noch nicht gezeigt, und er wird wol nicht umhin können, darauf hin die Sache in Anregung zu bringen. |
Ein sehr günstiges Moment für mich ist nun der Umstand, daß gerade in diesen Tagen der II. Band meines Kantcommentars[15] erscheint. Ich erwarte nur noch die Freiexemplare, und, nachdem ich dieselben vertheilt haben werde, natürlich in erster Linie an Haym und an Erdmann, will ich mit meiner Tabelle vorrücken – dies ist mein strategischer Plan.
In Bezug auf diese ganze Angelegenheit erlaube ich mir nun, Sie um Ihren bewährten Rath zu bitten, wie ich die Sache am geschicktesten angreife. Insbesondre würde möchte ich Sie in Bezug auf folgende Punkte um Ihren Beirath ersuchen:
Zunächst äußerlich: ist es zweckmäßig, die Tabelle in autographirter Form[16] zu verbreiten? Davon hat mir Herr Prof. Gerland[17], den ich in Straßburg gesprochen habe, entschieden abgerathen; er meinte, das mache einen unangenehmen Eindruck; ich solle nur geschriebene Exemplare benützen; ich lege Ihnen einstweilen zur Probe ein autographirtes Exemplar bei, deren ich sehr viele habe.[c] |
Ferner: ist es zweckmäßig, wenn ich an Althoff (dem ich natürlich mein Buch sende) selbst eine solche Tabelle sende[18]? Ich glaube, daß ich es thun kann; sonst würde vielleicht Geh. Reg. Rath Hartwig, der mir in dieser Sache sehr wohl will, ihm ein Exemplar zusenden.
Würden Sie vielleicht Gelegenheit haben, Althoff selbst einmal zu sagen, daß die Haym’sche Auffassung, die Erdmann’sche Stelle sei durch mich als besetzt zu betrachten, historisch ganz unrichtig ist? Denn dazu würde doch damals die philos[ophische] Facultät sich nicht verstanden haben, freiwillig eine etatmäßige Professur der Philosophie aufzugeben; Sie haben ja den Verhandlungen der Facultät damals[19] angewohnt[d], Sie müßten darüber also die beste Auskunft geben können.
Entschuldigen Sie, hochverehrter Herr Geh. Reg. Rath die Freiheit, die ich mir mit diesem Schreiben genommen habe; Ihre mir bisher bewiesene Güte ermuthigt mich dazu. Durch eine gütige Antwort (nach Halle, wohin ich morgen zurückkehre) würden Sie sehr beglücken Ihren dankbar ergebenen
H. Vaihinger.