Vaihinger an Friedrich Jodl, Halle, 19.2.1890, 3 S., hs., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-133500
Halle a/S. 19.II.90.
Verehrtester Herr College!
Empfangen Sie den ergebensten Dank für die freundliche Zusendung[1] Ihrer Abhandlung[2], die ich mit um so größerem Interesse[a] gelesen habe, als ich dem Unternehmen[3], an dessen Herausgabe Sie betheiligt sind, die herzlichsten Sympathien entgegenbringe. Ich wüßte auch keinen Punct, mit dem ich nicht in Ihrer | Abhandlung einverstanden wäre. Sehr treffend bemerken Sie, daß das Studium der Geschichte dem Sociologen dasjenige ist, was Micro- & Teleskop dem Naturforscher. Daß dieses Studium zu den von Ihnen dargelegten Anschauungen führt, ist ebenfalls meine Überzeugung. Ich stehe ganz auf dem Boden der evolutionistischen Weltanschauung, wenn auch mein Privatschicksal mich bis auf weiteres dazu geführt hat, mich mit den historisch-kritischen Fragen, speciell | in meinem Kantcommentar[4] zu befassen. Ich arbeite eben den II. Band desselben aus, und hoffe nach Vollendung des ganzen Werkes auch wieder zu den systematischen Fragen mitarbeitend kommen zu können, die ich einstweilen nur bei Andren verfolge. Indem ich Ihnen für Ihren Beitrag hierzu meinen besten Dank ausspreche, bin ich mit ergebenstem Gruß Ihr
H. Vaihinger.