Otto Caspari an Vaihinger, Heidelberg, 1.1.1890, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 g
Heidelberg d. 1 Januar 90.
Vertraulich!
Lieber Herr College!
Wie mir aus Berlin mitgetheilt wurde, haben Sie sich gleichfalls um die durch Stumpf erledigte Stellung[1] beworben, und Sie nehmen es mir gewiß nicht übel, wenn ich so offen bin Ihnen mitzutheilen, daß auch ich gern dorthin gekommen wäre[2]. Ich war mit Stumpf in Correspondenz getreten, und hatte ihm meine traurige Lage geschildert: daß ich noch heute nach beinahe 25jähriger Lehrthätigkeit kein Gehalt beziehe, an meinem Hause und in anderen Angelegenheiten mein kleines Vermögen beinahe eingebüßt habe, und deshalb beinahe der Verzweiflung nahe wäre.[a] | Da begreifen Sie wohl, wie sich das so gestalten kann und verstehen es daß ich mich wie man zu sagen pflegt um die Stellung bewarb. Wenn es mir auch noch vielleicht nicht gelang das gewünschte Ziel dort zu erreichen, so ist es mein sehnlichster Wunsch, daß es Ihnen wenigstens gelingt diese Stellung zu gewinnen. Knüpft sich für mich daran doch wenigstens die Hoffnung, daß ich mich um Ihre Stellung dort in Halle[b] bemühen darf. Uphues[3] ist zwar auch noch in Halle, und mag recht ebenso denken; aber lieber Herr College, denken Sie nur, daß ich in unserem Fach schon beinahe 25 Jahre arbeite und viel geschrieben habe, heute aber noch nicht das | geringste Gehalt beziehe, auch keine Hoffnung habe, daß mich Fischer (ein sehr eigenthümlicher Mann) irgendwie zu etwas bringt oder vorschlägt. Im Gegentheil, wo er Einfluß hat wird er immer nur mich bekämpfen. –
Nehmen Sie mir, lieber Herr College, meine Offenheit nicht übel, wenn ich nochmals darauf zurückkomme, daß ich in meiner Lage nur eben dies berücksichtigen muß, eine, wenn auch noch so kleine Stellung mit Gehalt zu gewinnen. Und so klammere ich mich denn in allen Wirrnissen noch an die Hoffnung, daß es mir wenigstens, als geborener Kämpfer[c], gelingen könnte, durch Ihre wache[d] Mithilfe und Beistand, den Posten zu erlangen, den Sie bisher in Halle ausfüllten[4]. Mag auch das Gehalt | noch so gering sein, das mit Ihrer bisherigen Stellung verbunden war, ich bin in einer so sehr verzweifelten Lage, daß ich mich auf diese vollständig zufriedenstellen muß.[e]
So habe ich mich denn mit Alle dem Gesagten mich Ihnen so offen hingegeben, daß Sie vielleicht mir zürnen, aber was thut man nicht alles in einer Art von Verzweiflung; und so habe ich denn nur die sehr freundliche Bitte, daß Sie mir diese Offenheit nicht verübeln, sondern im Gegentheil als ein Vertrauen aufnehmen, mit dem ich mich Ihnen ganz anheim gebe.
Sehr würden Sie mich erfreuen, wenn Sie mir über alle Vorgänge in Halle einige Nachrichten zukommen ließen, und sich gegebenen Falles meiner dortigen Lage erinnerten. –
Mit vielen herzlichen Grüßen und den besten Wünschen für Sie zum Jahreswechsel, Ihr ergebener
O. Caspari.