Moriz Carrière an Vaihinger, München, 22.10.1889, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 e, Nr. 20

Verehrter Herr College!

Hier meine Lebensbilder[1], Zusammenstellung dessen was mir neben dem Kunstbuch[2] von biographischen Aufsätzen aufbewahrenswerth dünkt; manches wird Ihnen bekannt, manches neu sein. Es steckt auch ein Stück Selbstbiographie darin, wie in Bettina und der Kunst-Academie. Auch die Faustidee[a], die uns zu Anfang des Jahrs viel Spaß machte, finden Sie wieder.

Können Sie mit einer Besprechung in | grünen Heften[3] ankommen? Da wäre der Cromwell und die[b] in der Vorrede angedeutete Beziehung auf Bismarck zu beachten, – auch das etwa ein Deutsches Wochenblatt.[c] Auch der Hinweis auf den literarischen Scherz[4] wird gut sein, da ja noch neulich erst in der Nation[5] wie früher in der Kreuzzeitung[6] die Baconianer[7] sich äußern.

Ich aber bedarf der Hilfe von Freunden, da die Philosophie der Reformationszeit[8] nicht besonders geht, und ich Brock|haus die Lebensbilder gab, Honorar erst zahlbar wenn er auf den Kosten ist! Sie sind der 11te Band der Gesammelten Werke, auch so ausgegeben, aber nur in kleiner Zahl, – ich wollte das sollte Haupttitel sein, denn als Ergänzung zu den Büchern seh’ ich es an.

Werden Sie vorrücken[9]? Ich hoffe und wünsche es.

Leben Sie wohl!

Ihr ergebenster

M Càrriere

Kommentar zum Textbefund

aidee ] Lesung des Wortteils unsicher
bdie ] Einfügung über der Zeile
cauch das etwa ein Deutsches Wochenblatt. ] so wörtlich

Kommentar der Herausgeber

1Lebensbilder ] vgl. Carrière: Lebensbilder. Leipzig: Brockhaus 1890; Vorwort datiert auf Sommer 1889.
2Kunstbuch ] vgl. Carrière: Die Kunst im Zusammenhang der Kulturentwickelung und die Ideale der Menschheit. 5 Bde. Leipzig: Brockhaus 1863–1874; insgesamt 3 Aufl.
3Besprechung in grünen Heften ]  (Zeitschrift Die Grenzboten), nicht ermittelt.
4Lebensbilder … literarischen Scherz ]  vgl. Carrière, Lebensbilder (1890). Inhalt u. a.: Oliver Cromwell der Zuchtmeister zur Freiheit, S. 1–106. Bettina von Arnim, S. 226–275. Wer ist der Faustdichter? S. 429–444. Dreißig Jahre an der Akademie der Künste zu München, S. 445–470. Aus dem Vorwort, S. V–VI: Ich habe seit fünfzig Jahren manches in Zeitschriften veröffentlicht. Die meisten Aufsätze waren Studien und Vorarbeiten für meine Bücher und sind in diesen verwerthet worden. […] Wenn ich diesen Schilderungen von Zeitgenossen ein Charaktergemälde Cromwell’s voranstellte, so geschah es weil ich selber nach der Aufregung und den Enttäuschungen der Bewegungsjahre von 1848 und 1849 an seinen Briefen und Reden aus körperlicher und geistiger Verstimmung mich gesund gelesen, und weil seit dem Erscheinen meiner Schrift eine gerechtere Würdigung des großen Staatsmannes Raum gewonnen hat. Wenn ich damals den Ruf nach einem Cromwell für Deutschland erhob, so ist ja der weissagende Wunsch überraschend in Erfüllung gegangen, und hat mir die Geschichte Bismarcks durch den Hinblick auf England ein eigenthümliches Licht gewonnen. […] Endlich ein literarischer Scherz [Faustdichter], welcher durch das Aufsehen das er machte, wie durch die sonderbare Aufnahme die er fand, mir ein Bild des gegenwärtigen literarischen Lebens gewährte.
5in der Nation ] vgl. z. B. J. V. Widmann: „Shakespeare“ und „Shakspere“. In: Die Nation. Wochenschrift für Politik, Volkswirthschaft und Litteratur, Nr. 15 vom 12.1.1889, S. 228–231 (https://archive.org/details/bub_gb_9pMZAAAAYAAJ/page/227/mode/2up (20.8.2024)).
6in der Kreuzzeitung ] Neue Preußische Zeitung; Artikel nicht ermittelt.
7die Baconianer ] meint diejenigen, die Shakespeares Werke Francis Bacon zuschreiben; wie Carrière (allerdings scherzhaft) die Verfasserschaft von Goethes Faust Lessing unterschob bzw. Goethe als Plagiator darstellte.
8Philosophie der Reformationszeit ] vgl. Carrière: Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Beziehungen zur Gegenwart. 2., vermehrte Aufl.Bde. Leipzig: Brockhaus 1887 (Gesammelte Werke von Moriz Carriere Bd. 10/11).
9Sie vorrücken ] meint: in der akademischen Laufbahn.