Moriz Carrière an Vaihinger, München, 22.2.1887, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 e, Nr. 19
Verehrter Herr College!
Sie übertreiben wieder in Ihrer freundlichen Gesinnung für mich und mein Buch[1]; ich habe allerdings auf dem darin vor 40 Jahren gelegten Grunde weiter gebaut, aber doch nicht viel erreicht, nicht einmal die einfache Universitätsprofessur[2], die ich der Nebenstellung an der Akademie vorgezogen hätte, und die ich vielleicht als Siebziger[3] erhalten werde, wenn mir Gott weiter Kraft u. Leben schenkt. Und so fürchte ich Sie scheitern bei den grünen Heften mit Ihrer guten Absicht, denn Grunow[4] überträgt seine Rivalität | mit Brockhaus zwar nicht auf mich, aber doch auf meine bei diesem erschienenen Bücher!
Was Erlangen[5] angeht, so wären Ihre Aussichten nicht ungünstig[6], wenn eine Berufung für ein zweites Ordinariat der Philosophie erfolgen sollte; aber ich kann Ihnen, leider! – vertraulich – bemerken daß die Ansicht vorherrscht, es möge sich dort eine jüngere Kraft empordienen. Sie stehn den Mitvorgeschlagenen jedoch eher voran als nach. Auch hätte ich lieber | Sie nach Straßburg zurückgerufen als Ziegler[7] heranzuziehen. Für Sie selbst scheint mir eine Arbeit wünschenswerth welche Ihren eignen philosophischen Standpunct klarstellt; die braucht nicht gerade umfangreich zu sein.
Karl Grün[8] hatte vor seinen Winteraufenthalt in München zu nehmen; er erkrankte hier im vorigen Jahre, sodaß er lieber nach Wien und dann aufs Land ging. Er war früh marasmisch geworden, ein Blutsturz hat ihn dahingerafft. Wie | Wenige meiner Universitätsfreunde sind noch übrig!
Leben Sie wohl!
Hochachtungsvoll Ihr ergebenster
M Càrriere
München 22/II 1887