Richard Avenarius an Vaihinger, Hottingen/Zürich, 4.1.1886, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 1 m, Nr. 18
Lieber Herr Kollege!
In der Tat, ich muß dem Hallenser-Klima sehr zürnen, daß es mir – nämlich bei Ihnen – so schadet! Ihre schönen Zusagen[1]! Aber: Aufgeschoben[a] ist nicht aufgehoben!
Vielen Dank denn für Ihren freundlichen[b] Brief u. meine besten Wünsche zum neuen Jahr, die ich – nach Ihrer Klage über Halle – in die eine Hoffnung zusammenpresse, daß 1886 Sie[c] der dortigen ungesunden Luft baldigst entführen möge. Aber doch wol nicht nach Straßburg zurück; denn dem Straßburger Klima[2] waren Sie gleichfalls oder es war Ihnen vielmehr abhold.
Nun, wie stehen denn Ihre Aussichten? Es hieß, Stumpf[3] werde nach Str[aßburg] kommen – wissen Sie etwas davon? Dann möchte wenigstens das Hallenser Ordinariat[4] Ihre Widerstandsfähigkeit | gegen das hundsgemeine Klima kräftigen. Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß es Ihnen in diesen Dingen besser ergehe wie mir, dem seit Jahren aller süsser Hoffnungswein regelmäßig zu Enttäuschungsessig geworden ist.
Schönsten Dank für Ihre Kleinste Kraftm[aß]-Notizen[5]! Es gewinnt fast den Anschein, als ob sich das Ding so allmählich – in dieser oder jener Form – durchbeissen würde.
Wie Sie am größten Kantwerk, so arbeite ich am Kleinsten Kraftmaß[6] „langsam weiter“ – oder vielmehr: es rückt[d] langsam vorwärts. An unausgesetzter, aufopferndster Anstrengung meinerseits lasse ich es nicht fehlen; aber es ist ein verdammt harter Granit, den man zu bearbeiten hat – es braucht eine „verzweifelte Geduld“! Nun, sind mir die Götter gnädig, so überwinde ich dies Jahr meine Abneigung gegen die Druckerschwärze …[e]
So wollen wir[f] denn beide für uns beide das | Beste im neuen[g] Jahr erhoffen!
Mit freundschaftl[ichen] Grüßen Ihr ergebenster
R. Avenarius
Hottingen b/Zürich
4.I.86.