Ernst Laas an Vaihinger, Straßburg, 12.4.1885, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 a, Nr. 12

Verehrter Herr C[ollege]

Schönen Dank für Ihren Brief[1]. Mit Ihrer Zustutzung des Kommentars[2] bin ich, offen gestanden, nicht einverstanden. Gegebene Abrede[a] sollte man in allem Wesentlichen lösen. Freilich Selbsterhaltung ist auch eine Nothwendigkeit und über die Veranlassungen solcher Sachlagen läßt sich jetzt mehr klagen als etwas ändern. Vielleicht ließen sich jetzt noch die pädagogischen Dimensionen einschränken. Doch jeder steckt in seiner Haut und jeder trägt die seinige zu Markte. – Mein Gesundheitszustand ist auch jetzt noch nicht der beste; ich habe sogar die letzte Woche sehr lästig zugebracht. Unvorsichtige Bewegungen bei Gelegenheit eines auswärtigen Besuchs zusammen mit einer Erkältung zogen mir so unangenehme | Herzaffectionen zu, daß ich nur gerade eben nach 6 tägigem Leiden durch viel Genuß an Digitalis, Morphium und Rhabarber mich wieder soweit in Ordnung gebracht habe, daß ich diesen Brief schreiben kann. Hoffentlich mache ich nicht noch eine Dummheit, so daß der Vorhang vor dem Semester[3] glatt aufgehen kann. Ich lese allg[emeine] Gesch[ichte] der Philos[ophie] von LockeLeibniz, altbekannte Sachen. An eine Andersgestaltung des Id[ealismus] u. Pos[itivismus][4] denke ich vorläufig nicht. In den letzten Wochen hat mich soweit ich mich geistig frei fühlte Lectüre zu dem Thema Gymnasium u. Realschule[b] beschäftigt. Vielleicht setzt sich etwas allmählich. Ich bin nicht so ohne weiteres gegen Paulsen[5], wie seine bisherigen Kritiker. Jedoch nous verrons[6]; die Arbeit ist mühselig und meine Kräfte gebrechlich. Sollte ich mit diesem Thema zu erwünschtem | Ende kommen, so muß ich von dem „deutschen Unterricht“[c][7] taliter qualiter[8] eine 2. Aufl[age] machen. Und danach stelle ich, was ich habe u. bei der Hand kriege, über den Willen[d], seine Wirkungen und deren Vergeltung zusammen. Und danach bin ich zu weiteren Überlegungen frei, falls mir nicht inzwischen die „Kirche“[e] oder die „Frau“[f][9] noch Verpflichtungen auflegt. – Mit Windelband[g] verkehre ich in Gesellschaft in nichtssagenden Höflichkeiten, amtlich per litteras[10], wobei ich seinerseits als „Sehr geehrter Herr Professor“[h] angeredet werde. Bei der Hochfluth der von ihm vertretenen (übrigens sehr billigen) politischen u. „religiösen“ Gesinnungen wundere ich mich noch, daß ich in leidlichem Ansehen hier stehe. Kerry[i][11] liest nächstes Semester über das Thema seiner Habilitationsschrift: Math[ematische] u. nicht mathe[matische] Grenzbegriffe | u. über Hume (Anknüpfung an Meinong). Seine Beziehungen zu Cantor wird das nächste Heft[12] der Vjhrsschr.[j] versichtbaren[k]. Außerdem arbeitet Dr. Willy[l] (Schweizer)[13] hier an seiner Habilitationsschrift (LockeLeibniz) und gestern hat Dr. P. Rée[m] aufgrund seiner „Entstehung des Gewissens“[14] privatim angefragt. – Über die Nachfolge Schölls[n][o][15] verlautet augenblicklich gar nichts; wahrscheinlich werden die 4 Namen jetzt in Berlin gesiebt.

Mit der Bitte gelegentlich einmal wieder meiner zu gedenken bin ich Ihr treu ergebener

E Laas.


Meine Frau[16] grüßt bestens.

Kommentar zum Textbefund

aAbrede ] Lesung unsicher (Verabredungen)
bGymnasium u. Realschule ] mit Bleistift unterstrichen
c„deutschen Unterricht“ ] mit Bleistift unterstrichen
dden Willen ] mit Bleistift unterstrichen
e„Kirche“ ] mit Bleistift unterstrichen
f„Frau“ ] mit Bleistift unterstrichen
gWindelband ] Windelb.
h„Sehr geehrter Herr Professor“ ] mit Bleistift unterstrichen
iKerry ] mit Bleistift unterstrichen
jdas nächste Heft der Vjhrsschr. ] mit Bleistift unterstrichen
kversichtbaren ] Lesung unsicher
lDr. Willy ] mit Bleistift unterstrichen
mP. Rée ] mit Bleistift unterstrichen
nSchölls ] mit Bleistift unterstrichen
oNachfolge Schölls ] Schoells

Kommentar der Herausgeber

1Ihren Brief ] nicht ermittelt
2Zustutzung des Kommentars ] Vaihingers Commentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft (1881/1882 u. 1892); über geänderte Pläne ist nichts ermittelt.
3vor dem Semester ] Laas starb am 25.7.1885 (BEdPh).
4Id. u. Pos. ]  Anspielung auf Laas’ gleichnamiges Hauptwerk.
5gegen Paulsen ] bzw. gegen Friedrich Paulsen: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Mit besonderer Rücksicht auf den klassischen Unterricht. Leipzig: Veit 1885.
6nous verrons ] frz. wir werden sehen
7„deutschen Unterricht“ ] vgl. Laas: Der deutsche Unterricht auf höheren Lehranstalten. Ein kritisch-organisatorischer Versuch. 2. Aufl. besorgt von J. Imelmann. Berlin: Weidmann 1886 (zuerst 1872).
8taliter qualiter ] lat. Phrase: notgedrungen, gezwungenermaßen, wohl oder übel.
9die „Kirche“ oder die „Frau“ ] Anspielung nicht aufgelöst
10per litteras ] lat. schriftlich
11Kerry ] zu Benno Kerry (Kohn) vgl. den Kommentar zu Eduard Zeller an Vaihinger vom 17.9.1881.
12das nächste Heft ] vgl. Benno Kerry: Ueber G. Cantor’s Mannigfaltigkeitsuntersuchungen. In: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie 9 (1885), S. 191–232.
13Dr. Willy (Schweizer) ] nicht ermittelt
14„Entstehung des Gewissens“ ] vgl. Paul Rée: Die Entstehung des Gewissens. Berlin: Duncker 1885.
15Nachfolge Schölls ] der Klassische Philologe Rudolf Schöll (1844–1893), seit 1875 o. Prof. in Straßburg, hatte 1885 einen Ruf nach München angenommen (NDB).
16Meine Frau ] Martha Laas (1839–1919; NDB).