Benno Erdmann an Vaihinger, Breslau, 5.12.1884, 3 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 7 m, Nr. 19
Breslau d. 5/12 84
Lieber Herr College,
Seit heut früh habe ich endlich die große Last von Bd. II der Reflexionen[1] abgewälzt. Ich hoffe, Sie haben die Schlussbogen bereits. Dass ich in denselben mehrfach Gelegenheit nehmen musste, mich mit Ihnen kritisch auseinanderzusetzen, forderte die Sache. Aber ich denke, wo Raum ist zu Hypothesen, ist Grund zu differenten | Ansichten. Und ich darf hoffen, dass Sie wie ich das Gefühl haben, dass wir solche Differenzen bei dem was in der Auffassung Gemeinsam[a] bleibt ertragen können. Ich bin nicht ohne Hoffnung, dass Sie meiner Erörterung über die Antinomienprobleme zustimmen werden; vielleicht auch den Bedenken[2] gegen den Einfl[uss] Humes seit 1762[b] sowie gegen den von Leibniz vor 70. Gegen beide habe ich noch mancherlei auf die eingehendere Ausführung verspart[c].
Habe ich Ihnen bereits ge|schrieben, dass ich in diesem Semester Grund habe recht zufrieden zu sein? Ich habe in der Psych[ologie] einige 80, in der Gesch[ichte] d[er] Philos[ophie] einige 70 Hörer, in den psych[ologischen] Übungen 22.
Wie ist es mit Ihrer Psychologie[3] geworden, und wie gefällt sich Stumpf[4]? Was sagen die Philologen bei Ihnen zu Paulsens neuem Werk[5], dessen historische Partien ganz vortrefflich sind?
Mit freundlichen Grüßen von uns beiden Ihr
B Erdmann