Bartholomäus von Carneri an Vaihinger, Graz, 2.10.1884, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 22
Gratz 2. Octob[er] 1884.
Hochverehrter Herr!
Entschuldigen Sie die Verspätung meiner Antwort[1]. Eine Verschlimmerung meines Übels[2], wie ich sie alljährlich ein paar Mal durchmachen muß und mich immer zwingt, alles für mich ohnehin sehr mühsame Schreiben auf das unerläßlichste Quantum zu beschränken, ist allein daran Schuld.
Es thut mir sehr leid, Sie geärgert[3] zu haben. Hätte ich das vorausgesehen, ich würde die Besprechung gewiß unterlassen haben. Daß ich Sie geärgert habe, ersehe ich daraus, daß Sie mir Unrecht thun. Wie können Sie sagen „in meiner Überzeugung liege die stille Voraussetzung: | Kant ist ein großer Philosoph, also kann er sich nicht widersprechen“? – Da ich doch nicht nur das Vorhandensein von Anhaltspunkten zu verschiedener Deutung zugebe, sondern dies als „eine mehr als dunkle Seite am Wirken dieses Riesengeistes“ (S. 151) bezeichne. Macht ein Bibelgläubiger, mit dem Sie mich vergleichen, ähnliche Concessionen? Und wenn Sie gar sagen: „Kann nicht deshalb doch die Auffassung, welche Sie selbst von dem Zusammenhang der Dinge haben, bestehen, selbst wenn Kant sich widersprochen hat?“ – so stellen Sie mich einfach auf Eine Linie mit dem Pastor Krause in Kuno Fischer’s neuester Schrift[4]. Das kann unmöglich Ihr Ernst sein. Nach meiner Überzeugung liegt es sehr im Interesse der Wissenschaft, dass Kant’s wahre | Anschauung klargelegt und festgehalten werde, damit die modernen Metaphysiker wenigstens nicht auf ihn sich berufen können. Die leben ja nur von ihm.
Die Widersprüche, die Sie in Ihrem Briefe hervorheben, gebe ich alle zu; aber zugeben kann ich nicht, daß Kant gezwungen, logisch gezwungen war, die Consequenz zu ziehen, zu der Sie gelangen. Was Sie von Kant’s Verhältniß zu Jacobi sagen, schwächt Ihre ganze Argumentation ab. Man kann auch von Kant zu Fichte gelangen; aber man muß nicht und darin liegt’s. Ebensowenig kann ich zugeben, wie Sie in Ihrem Briefe wollen, daß Kant nicht dem naiven Materialismus verfalle, wenn er eine von der Vorstellung unabhängige Außenwelt im Raum annimmt. Nur der Materialis|mus kann den Raum von der Vorstellung trennen, und da Kant nie Materialist gewesen ist[a], so kann er diese und ähnliche Worte nicht so verstanden haben. Würde mir bewiesen, daß er diese Worte materialistisch verstanden habe, dann fände auch ich einen fundamentalen Widerspruch, der das Ganze zerstört, würde mir aber auch Kant aufhören der große Philosoph zu sein, als der er immer mir gegolten hat. Da Sie im besagten Falle den Materialismus nicht zugeben, so liegt vielleicht der eigentliche Dissens zwischen mir und Ihnen in einem Punkte, der mir entgangen ist.
Sobald das Octoberheft des „Kosmos“ erscheint, sende ich Ihnen eine kleine Abhandlung[5]. Bis dahin seien Sie mir herzlich gegrüßt und bleiben Sie gut Ihrem aufrichtig ergebenen
B. Carneri